Der bekannte und nicht nur in Kinderkreisen beliebte Schriftsteller Peter Hacks fand eines Tages, um die elfte Stunde, im Gras neben dem Fußweg zwischen Deutschwusterhausen und Brusendorf eine Geschichte. Da sich der ehrliche Verlierer trotz dringlicher Bitte bei Herrn Hacks nicht gemeldet hat, um die Geschichte abzuholen, liegt sie nun als Bilderbuch vor.

„Leberecht am schiefen Fenster“ heißt diese Bilderbuchgeschichte. Vor Leberechts schiefem Fenster nämlich regnet es immer, und es passiert auch immer ein bißchen mehr vor ihm als vor anderen Fenstern.

Am Tag, an dem sich die gefundene Geschichte zutrug, sah Leberecht ein graugelbes Kätzchen die Straße hinunterlaufen. Das Kätzchen hatte eine goldene Taschenuhr im Maul, und hinter dem Kätzchen her, auf einem Klapprad, kam die dicke Frau Probst.

Mehr sah Leberecht durchs schiefe Fenster nicht. Doch er sagte sich: „Vermutlich...“, und dann dachte er sich eine Geschichte aus, in der Platz war für eine dicke Frau Probst auf einem Klapprad und ein graugelbes Kätzchen mit einer Golduhr im Maul. Er dachte sich einen Bäcker aus, der Polizeihelfer ist und „die Nase voll Arbeit hat“ und Erbschaften und komplizierte Testamente und den Unterschied zwischen juristischen, richtigen und ungesetzlichen Personen. Er stellte sich die Frage, ob es anständig ist, für selbstverständliche Gefälligkeiten Finderlohn bezahlen Zu müssen, und er malte sich aus, wie in einer sanften Katze „das Raubtier erwacht“ und ihr „von innen her“ böse Vorschläge ins Ohr flüstert, auf die jedoch eine Katze mit „städtischer Gesittung“ nicht hört. Ein männlicher Hund namens Walpurga treibt sich auch in der Geschichte herum. Bei ihm handelt es sich um eine Künstlerin im Tüllkleid, die dem Biersuff verfallen ist und einen Schatz hinterlassen hat.

Daß in der Geschichte letzten Endes die graugelbe Katze der Frau Probst über ist und die Klappradfrau ordentlich reinlegt, muß nicht extra erwähnt werden. In anständigen Kinderbüchern hat das so zu sein! Und daß gerade dann, als Leberecht seiner Geschichte ein Ende ausgedacht hat, die Katze und die Frau Probst wieder am schiefen Fenster vorbeikommen und allem Anschein nach haarscharf nach Leberechts Phantasie agiert haben, ist auch klar. In Bilderbüchern hat sich die Realität der Phantasie unterzuordnen und ganz in ihrem Sinne zu funktionieren.

Das Schönste an diesem Buch ist aber, daß es Kinder dazu verleitet, auch ein bißchen ans Fenster zu gehen, zu schauen und „vermutlich. ...“ zu sagen. Fenster müssen schließlich nicht schief sein, um mit dem, was sich vor ihnen tut, eine Geschichte anzufangen. Und auch weniger rare Vorkommnisse als Katzen mit Taschenuhren im Maul können zum Geschichtenausdenken animieren.

Der Einwand, daß Kinder ohnehin und von Natur aus phantasievolle Geschöpfe seien, die ein Scheit Holz für eine Segeljacht nehmen, einen Bündel Fetzen als Baby wiegen und in einsamen Stunden mit sich selber ein fünf-Personen-Theaterstück aufführen und daher auch keinerlei Anleitung zum kreativen Fensterschauen brauchen, ist in heutigen Zeiten nicht mehr angebracht. Die TV-glotzende Kindergeneration der Achtziger-Jahre ist nicht sehr geübt im Ausdenken und Grübeln, im Erfinden und Austräumen.