Ein mutiger Deutscher, einer von denen, die es wagten, die Kräfte des Bösen herauszufordern.“ Daß es wenige waren, in einer Zeit, in der ohne massenhafte Gleichgültigkeit, Zustimmung und – sei es nur passive Mitarbeit das ungeheuerliche Morden nicht möglich gewesen wäre – auch das sagte Israels Botschafter in Rom als er jetzt einen Mann mit der „Medaille der Gerechten“ auszeichnete, der schüchtern, fast in sich versunken vor ihm stand.

„Wir waren keine Helden, wir hatten auch Angst. Was wir taten, war für uns einfach selbstverständlich“, sagte Michael Jovy. Daß das gar nicht so selbstverständlich war, hatte er noch zehn Jahre danach, 1955, erfahren müssen: Dem jungen Diplomaten sollte zunächst der Zugang zum Bonner Auswärtigen Amt verweigert werden, weil ihn der Verfassungsschutz mit alten Akten von Hitlers Geheimer Staatspolizei verdächtigte. Später hat es seiner Karriere nicht geschadet („aber auch nicht genützt“, sagt er). Er war Botschafter der Bundesrepublik in Algier und Bukarest, ist jetzt Gesandter in Rom. Hier hat den Dreiundsechzigjährigen spät die Anerkennung erreicht für das, was er als Neunzehnjähriger und später riskiert hatte.

Es war lange kaum bekannt gewesen, fast schamhaft verschwiegen, ja ins schiefe Licht gerückt worden, zumal dort, wo es geschehen war: In Köln, Berlin, Hamburg und Stuttgart, wo sich aus versprengten bündischen und katholischen Jugendgruppen Widerstandszellen im Untergrund bildeten. Sie knüpften Kontakte, zur deutschen und jüdischen Emigration in Paris, informierten über die Auswirkungen des Rassenwahns, organisierten ein Hilfswerk für verfolgte und notleidende Juden.

Ende 1939 in Köln verhaftet, wurden Jovy und seine Freunde nach zweijähriger Einzelhaft vom Berliner Volksgerichtshof wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. Doch selbst im Zuchthaus von Siegburg gab Jovy nicht auf. Der fünfzehnjährige Sohn eines kommunistischen Mithäftlings brachte ihn in Verbindung zu den Kölner „Edelweißpiraten“, verzweifelten jungen Leuten, die, unterstützt auch von ausländischen Zwangsarbeitern und desertierten Soldaten, zum bewaffneten Widerstand gegen den Unrechtsstaat übergingen.

Auch Michael Jovy, der nachts durch die Gitter eines Gefangenenbaus davonschlich, beriet sie. Selbst aus dem berüchtigten Bewährungsbataillon 999 konnte er zeitweilig nach Köln entkommen. Dort aber hatte die Gestapo schon zugeschlagen, am Bahnhof Ehrenfeld wurden Halbwüchsige erbarmungslos öffentlich erhängt. Jovy meldete sich zu einem Spähtrupp am Westwall Mit Hilfe eines sechzehnjährigen Österreichers zwang er die ganze Patrouille, sich den Amerikanern zu ergeben – es war seine und ihre Rettung.

Doch das Ziel, Köln noch vor dem Einmarsch der Alliierten selber von den Nazis zu befreien, war mißglückt. Noch heute verweigern Vertreter der Obrigkeit dieser Stadt den toten Jungen die politische Ehre. Als ob der Widerstand gegen ein Mobregime, das Deutschland in den Untergang trieb, nach den Maßstäben des normalen Rechtsstaats zu beurteilen wäre.

Jovy vermerkt es nicht ohne Bitterkeit. Und auch das andere Mißverständnis: Als ob der Widerstand, für den heute in einer freien Demokratie gerufen werden kann, mit jenem Widerstand vergleichbar wäre.