Von Dietrich Strothmann

Hat Ariel Scharon, der zum Rücktritt gezwungene israelische Verteidigungsminister, doch gesiegt? Als er letztes Jahr den Libanon mit seinem Krieg überzog, wollte er seinen Erzfeind, den Palästinenserführer Jassir Arafat, schlagen und die Palästinenser in den besetzten Gebieten ihres Idols berauben. Mit der Ausschaltung des militärischen Potentials der Palästinensischen Befreiungsfront (PLO) sollte die Organisation auch weltweit, vor allem aber am jordanischen Westufer und im Gaza-Streifen, an politischer Bedeutung verlieren. Endlich und endgültig sollten gerade die Palästinenser unter Israels Fuchtel erkennen, daß Palästina allein in Jordanien liege. Darum auch hatten Scharon und sein damaliger Ministerpräsident Menachem Begin den Nahost-Plan des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan vom September 1982 abgelehnt, der eine Föderation zwischen einem autonomen Palästina – gebildet aus Westjordanien und Gaza – mit dem Königreich Jordanien vorsah.

Seitdem ist Begin abgetreten, Scharon ins zweite Kabinettsglied gerückt; inzwischen hat der syrische Präsident Hafez el Assad das blutige Geschäft der PLO-Vernichtung übernommen, steht Jassir Arafat selber, von Syrern und ihren palästinensischen Handlangern in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli eingekesselt, vermutlich am Ende seiner politischen Laufbahn. Ein Volk, das jahrzehntelang eine Heimat suchte, muß sich jetzt erst einmal nach einem neuen Führer umsehen, der ihre Sache mit Durchsetzungsvermögen vertreten kann.

Oder kommt etwa Jassir Arafat, eine Art palästinensischer Stehaufmann, wie letztes Jahr in Beirut auch in Tripoli ein weiteres Mal mit dem Schrecken und dem Leben davon? Schon haben sich die Saudis stark gemacht, ihm wiederum zu einem ehrenvollen Exodus zu verhelfen, schon haben sich die Franzosen bereit erklärt, ihn über das Meer per Schiff zu retten. Noch brechen selbst die geschlagenen Palästinenser in den von PLO-Rebellen eroberten Flüchtlingslagern nahe Tripoli, auch die von der israelischen Besatzungsmacht gedemütigten Bewohner in Hebron, Nablus und Ramalla in die verzweifelten Rufe aus: "Lang lebe Arafat!" "Mister Palastine" ist, so machen sie sich Mut, noch lange nicht am Ende.

Dabei haben ihn die "beiden Großen" im Nahen Osten, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, bereits abgeschrieben. Reagans Berater konzentrieren, um den bereits totgesagten Plan des Präsidenten wieder auf die Tagesordnung zu setzen, ihr Werben allein auf den jordanischen König Hussein. Andropows Experten, die den syrischen Part in diesem Überlebenskampf Arafats mitspielen, betreiben eine Reorganisation der PLO-Führungsspitze, entweder ohne ihn oder zumindest gebunden an die Kette eines Leitungsgremiums. Entgeht Jassir Arafat seinem Ende in Tripoli, sollen dem ehemaligen "Alleinherrscher" künftig alle politischen Alleingänge verwehrt werden, wie im vergangenen Frühjahr, als er auf der Basis der Reagan-Initiative mit König Hussein beden, einen fast unterschriftsreifen Föderations-Kompromiß ausgehandelt hatte.

Doch ließe sich Jassir Arafat, der immerhin 15 Jahre hindurch als gewählter Anführer der PLO unumschränkt und unangefochten sein Amt ausgeübt hatte, auf eine solche Lösung geteilter Macht ein? Er wäre nicht mehr Jassir Arafat, das Symbol der vier Millionen Palästinenser; er konnt dann auch nicht länger als Politiker für eine Sache streiten, müßte vielmehr den von Damaskus protegierten Konfrontations-Rivalen nachgeben. Lehnte er indessen Assads Ansinnen ab und versuchte sein Heil als "Überlebenskünstler" per excellance weiterhin in der Rolle des Allein-Verantwortlichen für die PLO-Politik, dann müßte er sich ein neues Refugium suchen. Amman, das ihn zur Wiederaufnahme der Verhandlungen mit dem König eingeladen hat, will ihn auf Dauer nicht aufnehmen; Tunis, wo er nach seinem erzwungenen Auszug aus Beirut sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, liegt zu weit von seinem Palästina entfernt, erst recht seine Schutzmacht Saudi-Arabien oder die sicheren Golfstaaten.

Was freilich sollte auch eine Neuauflage der Gespräche mit dem jordanischen König über eine gerechte, dauerhafte Lösung des Palästinenser-Problems bringen? Während Syrien mit sowjetischer Hilfe wie auf Kosten des Libanon und der PLO-Rivalitäten dabei ist, sich als arabische Vormacht im Nahen Osten zu etablieren, istjordanien isoliert.