Von Horst Bieber

Venezuela hatte im Jahre 1983 eigentlich Grund zum Feiern. Vor 200 Jahren wurde der libertador ("Befreier") Simon Bolivar geboren. Seit einem Vierteljahrhundert, seit dem Sturz des Diktators Jiménez 1958, gibt es eine stabile Demokratie. Und die Panamerikanischen Spiele im Sommer bewiesen, daß "Klein-Venedig", wie die spanischen Entdecker diesen Landstrich tauften, nicht nur über Geld, sondern auch über Ansehen verfügt.

Dennoch wollte die rechte Freude nicht aufkommen. Das Musterland des Subkontinents steckt in einer tiefen Krise. Immer mehr Venezolanern wird klar, daß es sich um ein selbstverschuldetes Desaster handelt. In ihrem Staat – knapp viermal so groß wie die Bundesrepublik – droht sich das mexikanische "Gegenwunder" zu wiederholen. Das Land wird durch den Ölreichtum arm. Diese Sorge überschattete den schon seit einem Jahr andauernden Wahlkampf, der am kommenden Sonntag endet, wenn die gut acht Millionen Wahlberechtigten einen neuen Präsidenten, die Senatoren und die Abgeordneten bestimmen.

Auf einem Mammut-Kongreß über das "Politische Denken in Lateinamerika" vertrat der Generalsekretär der in Caracas regierenden christlichen Demokraten Mitte des Jahres die erstaunlich offenherzige These, Lateinamerika leide nicht an einem Mangel demokratischer Ideen, sondern am Fehlen parlamentarischer Praxis. Viele Regierungen seien schlicht unfähig, ihre Länder zu regieren. Wenn die Umfragen nicht täuschen, werden die Venezolaner eben deshalb am Sonntag in der Mehrheit nicht christdemokratisch, sondern sozialdemokratisch stimmen.

Programmatische Unterschiede der beiden großen Parteien Christdemokraten (COPEI) und Sozialdemokraten (AD) sind dabei schwer auszumachen. Beide tun sich schwer mit dem Gedanken, die gute alte Zeit der reichlich sprudelnden Petrodollars könne vorbei sein. Beide scheuen unangenehme Wahrheiten, obwohl beide wissen, daß der Sieger einige dringende Probleme lösen muß – etwa die Auslandsverschuldung (an die 40 Milliarden Dollar, davon gut 26 Milliarden öffentlicher Schulden), die steigende Arbeitslosigkeit (zur Zeit etwa zwölf Prozent) und die verhängnisvolle Fehlentwicklung, die dazu geführt hat, daß ein Prozent der arbeitenden Bevölkerung im Ölsektor neun Zehntel des Exports und sieben Zehntel aller Staatseinnahmen erwirtschaftet – während Venezuela andererseits 60 Prozent seiner Lebensmittel importieren muß.

Vor allem stehen aber zwei Fragen vor dem Sieger. Wie sagt er dem Volke, daß der venezolanische Standard – vom Guten das Beste, und das doppelt – selbst dann nicht mehr gilt, wenn sich wieder mehr Öl verkaufen läßt? Wie kann die ungünstige Wirtschaftsstruktur, in der zwei Drittel der Firmen direkt oder indirekt vom Staate abhängen und ihn mit hohen Defiziten belasten, so verändert werden, daß Venezuela, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen des Halbkontinents, wieder wettbewerbsfähig wird?

Rezepte dazu bieten weder Jaime Lusinchi (AD) noch Rafael Caldera (AD) an. Zwar drängte die AD-Opposition darauf, das drückende Ärgernis Auslandsschulden vor dem 4. Dezember zu beseitigen, um die damit verbundenen Härten noch der Regierung anzuhängen. Aus ähnlichen wahltaktischen Gründen weigerte sich Premier Campins, diesen Schritt zu tun, weil sein Parteifreund Calden sonst überhaupt keine Chance gehabt hätte. Aber die Einmütigkeit, mit der beide Kandidaten den Weltwährungsfonds (IWF) attackierten, läßt wenig Bereitschaft zu einem wirklichen Kurswechsel erwarten. Der Fonds wiederum weiß sich in einer starken Position mit seinem Sanierungsprogramm, das fraglos soziale Härten mit sich bringt. Ohne eine Einigung Venezuelas mit dem IWF wollen die Banken nicht umschulden. Umschuldung muß aber sein, weil die kurzfristigen Auslandsverbindlichkeiten Venezuelas für 1984 das Devisenpolster der Zentralbank erheblich übersteigen.