Nichts wird so heiß gegessen wie gekocht – oder, um in der ost-westlichen Eiszeit-Metaphorik der letzten Wochen zu bleiben: Auch das Tiefgefrorene aus Moskau wird nicht so kalt serviert, wie es die Gefrier-Spezialisten des Kreml anrichten. Die sowjetische Reaktion auf die Stationierung der ersten neuen Nato-Raketen in England, Italien und der Bundesrepublik war bemerkenswert maßvoll.

Die Sowjets haben ihre alten Ankündigungen bekräftigt: Sie heben – das stets schon zweifelhafte – Moratorium für die Aufstellung von SS-20 im europäischen Teil der Sowjetunion auf; sie beschleunigen die – seit langem geplante – Stationierung von atomaren Kurzstreckenwaffen in der DDR und der ČSSR; sie postieren künftig mehr als jeweils vier bis sechs Raketen-U-Boote vor der amerikanischen Küste. Im übrigen halten sie ihre weitere Teilnahme an den Genfer Gesprächen über Mittelstreckenraketen in Europa für "unmöglich", doch wählten sie dafür eine auffallend weiche Formulierung.

Zwar sind aus dem Osten auch andere Töne zu vernehmen: daß die Start-Gespräche über interkontinentale Atomwaffen gefährdet seien; daß die neuen Nato-Raketen sich negativ auf den Fortgang der Wiener Verhandlungen über die Begrenzung der konventionellen Rüstungen in Europa auswirken könnten; daß der Stationierungsbeginn den Gesamtkomplex der Beziehungen mit Bonn belasten werde. Vor allem die Verteidigungsminister – Ustinow in Moskau, Hoffmann in Ost-Berlin – gefallen sich in scharfen Ausfallen, Um so bedeutsamer ist es, daß die verantwortlichen Politiker sich der Mäßigung befleißigen.

So hat der sowjetische Parteisekretär in seinem letzten Brief an Bundeskanzler Kohl ausdrücklich erklärt, daß er die entstandene Situation "nicht als unumkehrbar" betrachten wolle. Da bleibt gewiß offen, wer denn eine Umkehr nötig habe, aber der Draht wird nicht gekappt. Die Agentur Novosti erwähnte die Möglichkeit von bilateralen und multilateralen Verhandlungen über Sicherheit und Abrüstung. Honecker aber sagt klipp und klar; "Wir sind dafür, den Schaden möglichst zu begrenzen. Das bestehende Vertragssystem bleibt auch weiterhin eine gute Grundlage für die Entwicklung friedlicher Beziehungen zwischen den Staaten. Die Lage sei "nicht mehr so, wie sie vorher war", doch schließe die DDR die Möglichkeit nicht aus, "daß es früher oder später trotzdem zu positiven Ergebnissen der Verhandlungen kommt und die Entspannung fortgesetzt wird".

Erich Honeckers Interessenlage ist klar; sie verbietet ihm jede Scharfmacherei. Moskaus Zurückhaltung jedoch? Da ist derzeit nicht ganz deutlich, was in Wahrheit dahintersteckt: bewußte Mäßigung oder einfach Entscheidungsunfähigkeit an der Spitze. Th. S.