Von Rudolf Walter Leonhardt

Es liegt jetzt aus in allen englischen Buchhandlungen, zum stolzen Preis von – umgerechnet – fast fünfzig Mark:

Harold Evans: „Good Times, Bad Times“; Verlag Weidenfeld & Nicolson, London 1983; 430 S., 11,95 £.

Der Titel ist eines der in England seit Shakespeares Zeiten so beliebten Wortspiele, Hauptbedeutung: Gute Zeiten, schlechte Zeiten; Nebenbedeutung: eine gute Times, eine schlechte Times.

Der Autor Harold Evans hat als Waliser wenig Anlaß, viel zu halten von englischem understatement. Er zögert nicht eine Zeile lang zuzugeben, daß die Zeiten schlecht gewesen sein mögen, die Times jedoch nie so gut war wie während des einen Jahres, in dem er das nicht immer ungetrübte Vergnügen hatte, ihr Chefredakteur zu sein: von März 1981 bis März 1982.

Warum deutsche Leser behelligen mit einem Buch, in dem ein britischer Autor über Zustände bei einer britischen Zeitung schreibt? Mir fallen drei Antworten ein.

1. Die Times gilt eben doch vielen auch hierzulande noch immer als die erste und größte und beste und schlechterdings vorbildliche Zeitung der Welt.

2. Nicht nur gibt die Times ein Beispiel, das für Zeitungen in aller Welt Orientierungshilfe bieten kann, sondern dazu kommt, daß Harold Evans der Prototyp eines großen Journalisten und dennoch als Chefredakteur gescheitert ist.

3. Evans versucht ernsthaft, die komplizierte Struktur einer Zeitungs-Hierarchie zu durchleuchten, die entsteht aus vielen schwer durchschaubaren Kräftespielen, welche unter dauernd wechselnden Umständen und daher mit immer wieder anderen Ergebnissen stattfinden, vor allem: zwischen Eigentümer und Chefredakteur, zwischen Eigentümer und Verlag, zwischen Verlag und Chefredakteur, zwischen Chefredakteur und Redaktion, zwischen Verlag und Technik, zwischen Redaktion und Technik.

Mangelnde Beziehungen zwischen Chefredakteur und Redaktion hatten dazu geführt, daß der kanadische Multimillionär Thomson im März 1981 die Times und die Sunday Times, also die noch immer berühmteste englische Tageszeitung und eine der beiden großen unabhängigen Sonntagszeitungen (die andere ist der Observer), verkaufte an den australischen Multimillionär Murdoch, vön dem niemand erwarten konnte, auch niemand erwartete, daß er sein mühsam mit Sensationsblättern verdientes Geld als Mäzen einer Zeitung von hohem Rang und niedriger Auflage zur Verfügung stellen wollte.

Sir William Rees-Mogg, Chefredakteur der Times von 1966 bis 1981, war ein sehr gebildeter Mann, ein scharfer Denker, ein manchmal brillanter Leitartikler. Er hatte wenig Kontakt zu seinen Ressortleitern und überhaupt keinen zum immerhin zweihundert Mitarbeiter zählenden Rest der Redaktion, von der Technik gar nicht zu reden. Der Streik der Times-Redakteure im Sommer 1980, den er deswegen nicht verhindern konnte, war so überflüssig wie verhängnisvoll: Thomson junior, nicht mehr sentimental gebunden wie sein Vater, verlor die Lust, solchen Quatsch mit vielen Millionen in jedem Jahr zu subventionieren.

Harold Evans war damals schon vierzehn Jahre lang ziemlich erfolgreicher Chefredakteur der Sunday Times. Sein Verhältnis zu den Druckern war nicht so gut, daß es dauernde Reibereien mit den Gewerkschaften hätte entschärfen können. Auch sein Verhältnis zur Redaktion war nicht geradezu herzlich. Aber er wurde respektiert als ein Journalist mit Sachverstand, Mut und Stehvermögen.

Dann machte er zwei Fehler. Dadurch wird sein Buch auch psychologisch so interessant: daß der Autor seine Fehler zwar sieht, aber nie ernsthaft auf den Gedanken kommt, solche Fehler könnten ihn disqualifizieren.

Sein erster Fehler war es, sich in seiner Sunday Times nie energisch gegen den Ausverkauf an Murdoch, den er zumindest am Anfang und am Ende für eine Katastrophe hielt, zur Wehr zu setzen. Sein zweiter Fehler war es, daß er bald darauf Rupert Murdochs Auftrag, Chefredakteur der Times zu werden, annahm, wir dürfen vermuten, daß es Zusammenhänge geben mag zwischen Fehler Nummer 1 und Fehler Nummer 2.

Verteufler des dynamischen Tycoons Rupert Murdoch haben konstruiert: der habe Evans zum Chefredakteur der Times gemacht, um ihn erst einmal bei der Sunday Times loszuwerden, wohl wissend, daß er sich bei der Times nicht länger als ein Jahr halten werde. Genau so ist es gekommen. Aber es war wohl weniger vorausgeplante Teufelei im Spiel.

Evans hat eine gerade unter brillanten Journalisten leider weit verbreitete Charakterschwäche: Er ist eitel und geltungsbedürftig; kritisch viel lieber, gegen andere als gegen sich selber. In seinem Buch geht er damit dem für derlei sensiblen Leser oft auf die Nerven: „Ich hatte stundenlang mit Henry Kissinger gesprochen (p. 232)... Ich dinierte mit Moshe Dayan (p. 237)... Mrs. Thatcher sagte zu mir, Harold (p. 284)... Ich fand mich plötzlich in einer Unterhaltung mit der Königin über Leonid Breschnjew (p. 316)... Ich fragte Murdoch, ob er etwas dagegen habe, wenn ich einen Ehrendoktor der Universität Sterling annähme (p. 316)... auf einmal legte Ihrer Majestät höchster Ankläger (Attorney-General) seine Hand auf meine Schulter (p. 396)...“ und so weiter.

Hat er das nötig? fragt man sich. Und die Antwort ist leider: ja. Evans war als Chefredakteur der Times auf dem falschen Posten. Das war so ungefähr, als ob Henri Nannen die ZEIT hätte machen sollen oder, let us be fair, Gräfin Dönhoff den stern. Trotz der Gespräche mit Kissinger, Dayan und Thatcher reichten seine intellektuelle Potenz und seine Bildung einfach nicht aus. Er war offenbar nie länger als einen Urlaub lang außerhalb Großbritanniens; seinen Auslandskorrespondenten und seinen Leitartiklern vom Kaliber eines Richard Davy oder Edward Mortimer war er kein ebenbürtiger Partner.

Und er konnte nicht mit der Redaktion. Daß er bei der Macht-Übernahme Leute seines Vertrauens in die Times einschleuste, ist normal. Aber Evans übertrieb ein bißchen, umgab sich gewissermaßen mit einem Hofstaat. Wenn er diesen Leuten dann Super-Gehälter einräumte, verglichen mit den recht bescheidenen Durchschnittsgehältern der Times (also etwa: 20 000 Mark im Monat statt 5000; die Steuer frißt die Hälfte), hätte er eine Störung des Betriebs-Friedens einkalkulieren müssen. Geradezu empörend jedoch ist es, wie gelassen es der Chefredakteur hinnimmt, wenn rechts und links von ihm Leute rausgeschmissen werden: „Der Verlagsleiter Dugal Nisbet-Smith und alle leitenden Verlagsangestellten wurden gefeuert .. Donald Cruickshank, mein Verleger bei der Sunday Times wurde auch gefeuert... Murdoch schaffte die Marketing-Abteilung ab und schmiß fast alle älteren Angestellten der Anzeigen-Abteilung raus, Ich konnte kaum einen Korridor entlanggehen, ohne wieder eine vertraute Figur erschüttert und zerschlagen zu sehen.“ Nicht darum geht es, ob der Chefredakteur diesen Kahlschlag des neuen Eigentümers hätte bremsen können. Er hätte wohl, wenn nicht auf Grund festgelegter Kompetenzen, so doch als Murdochs damals noch wichtigste Figur in dem ganzen Times-Spiel. Als es iha dann aber ein paar Monate später selber trifft, da sieht es für ihn auf einmal so aus, als ginge die Welt unter oder doch wenigstens die Welt des unabhängigen Journalismus.

Rupert Murdoch ist Wirklich nicht ein Typ, den man gernhaben müßte. Aber: daß er Harold Evans als Chefredakteur der Times nach einiger Zeit wieder loswerden wollte, das läßt sich verstehen. Mit zweifellos großem persönlichen Einsatz versuchte Chefredakteur Evans, die Times vom Kopf auf die Füße zu stellen; aber was herauskam, war eben dann doch nur ein neuer Balance-Alte Trotz allen spektakulären Aufwands stieg die Auflage der Times nicht wesentlich während des Evans-Jahres; und das wenige, was an Verkaufserfolgen verzeichnet werden könnte, wurde mehr als aufgefressen durch die großzügigen Gehälter, die Chefredakteur Evans Journalisten seiner Wahl hatte zuteil werden lassen. So was kann nie gut gehen. „Warum denn sie und nicht wir?“ klagten die Alteingesessenen, die ja wahrhaftig keine schlechten Journalisten waren.

Evans stellt es in seinem Buch so dar, als ob Murdoch und der von ihm gewählte Verleger für Times und Sunday Times, Gerald Long, für die überhöhten Gehälter der Neuzugänge verantwortlich gewesen wären. Wer Murdoch kennt, kann das nicht glauben. Die Times kostete sein Geld, und zwar wie zu schlimmsten Thomson-Zeiten Millionen. Er war froh um jedes Pfund, das nicht ausgegeben wurde.

Verschwenderischer Umgang mit Geld war dann auch einer der Gründe, die Murdoch angab für die Entlassung von Harold Evans. Der andere war: es herrsche eine miserable Stimmung in der Redaktion. Auch das war nicht zu leugnen und wurde evident spätestens, als so treue und hochqualifizierte Times-Redakteure wie Roger Berthoud, Marcel Berlins und Peter Hennessy ihre Kündigung einreichten und als der Redaktions-Ausschuß dafür votierte, Evans abzuberufen.

Nun kann sich ein Chefredakteur nicht immer und überall beliebt machen, vor allem dann nicht, wenn ihm ein Eigentümer und ein Verlagsleiter täglich im Nacken sitzen und elenden: Wo bleibt die Wende? Evans hat sich, persönlich wie jetzt in seinem Buch, immer wieder darüber beschwert, Murdoch habe sich in alles eingemischt und seine beim Kauf der Times gemachten Zusagen, redaktonelle Freiheit zu gewähren, nie eingehalten.

Das ist wohl; wie man Rupert Murdoch kennt, nicht erfunden. An der miserablen Stimmung in der Times-Redaktion hatte Murdoch sicher nicht weniger Schuld als Harold Evans. Nicht zuletzt dadurch, daß er bei einer der dauernden Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften gedroht hatte, er werde die Zeitung einstellen. Wer arbeitet unter solchen Umständen schon fröhlich?

Aber genau so wie: Murdoch mischte sich ja auch Evans in alles ein, nahm er seinen Redakteuren jeden Entscheidungsspielraum weg. Zum Beispiel den Leitartiklern. Gewiß ist es bei den ungezeichneten Leitartikeln, wie sie in der anglo-amerikanische Presse üblich sind, vertretbar, daß der Chefredakteur eine von seiner eigenen Meinung sehr weit abweichende nicht ohne weiteres durchgehen läßt, da es ja am nächsten Tage nicht heißen würde, „wie Edward Mortimer in der Times schreibt“, sondern „wie die Times schreibt“.

Das ist ein Problem. William Rees-Mogg und die meisten seiner Vorgänger hatten es dadurch gelöst, daß sie bei Themen, zu denen sie eine andere Meinung nicht dulden zu können glaubten, den Leitartikel selber schrieben. Dafür hatte Harold Evans keine Zeit. Er wollte und mußte sich um die ganze Zeitung, um alle Ressorts, vor allem auch um den Umbruch, das äußere Bild der Zeitung also, kümmern. Wie er dann jedoch in den von seinen Kollegen geschriebenen Leitartikeln herumfuhrwerkte, sie umschrieb, eigene Meinungen reinschrieb, den Tenor manchmal bis ins Gegenteil verkehrte, das muß schlimm gewesen sein.

Dabei hatte er meistens Recht, wo er von sich selber absah und nur seinen journalistischen Sachverstand einsetzte. Er hatte Recht, wenn er großen Ereignissen die ganze erste Seite der Times einräumte. Er hatte Recht, als er die letzte Seite der Times zu einem „Informationsdienst“ umgestaltete, der alles für den Tag Wissenswerte, vom Wetter bis zu den laufenden Ausstellungen, enthalten sollte. Sonst hat er eigentlich gar nicht so viel geändert am Bild der Times. Denn er hatte auch Recht, als er die journalistische Maxime prägte: „Wenn es nicht notwendig ist, etwas zu ändern, dann ist es notwendig, nichts zu ändern.“

Was er zu Leitartikeln im allgemeinen sagt, kann sich hören lassen: „Es war mein Gefühl, daß wir keine Leitartikel schreiben sollten, wo wir nicht etwas Relevantes zu sagen hatten. Sicher hatte die Times auch Platz für Analysen und Nachrichten-Geschichten, aber die Leitartikel sollten davon handeln, was jetzt getan werden müsse oder nicht getan werden dürfe, es sollte dabei jedenfalls immer um Wertungen gehen.“

Nun fängt es freilich bei den Wertungen an, heiß zu werden. Eine Demonstration läßt sich schildern, der Krieg im Libanon beschreiben, das Elend der Arbeitslosigkeit gegen das Elend der Inflation abwägen, ohne Konsensus zu gefährden. Aber wo zu antworten ist auf Fragen wie „Nachrüstung oder nicht?“, „Israel oder Palästina?“, „Inflation oder Arbeitslosigkeit?“, da entstehen Fraktionen, da gibt es Machtkämpfe, da droht Unfrieden.

Harold Evans hat die Situation bei der Times immer so gesehen, daß er und die Leitartikler sich ziemlich einig gewesen seien über die Linie der Times, während der Eigentümer und sein Verlagschef dieser Linie nicht zu folgen vermochten. „Unsere Haltung zu den drei (großen britischen) Parteien war die, daß wir verzweifelten beim Gedanken an die Labour Party als alternative Regierungspartei; daß wir der neu aufgetauchten Allianz zwischen Sozialdemokraten und Liberalen gegenüber voller guten Willens waren; daß wir mit Wachsamkeit und notwendigen Rügen die Konservativen unterstützten.“

Es ist sicher, daß die Times zu Ende des Jahres 1981 offensichtlich sehr viele Rügen gegenüber der Regierung Margaret Thatchers für notwendig hielt. Und manche Anzeichen deuten darauf hin, daß Rupert Murdoch seine konservative Regierung und die Politik des Monetarismus, an die er glaubte, in der Times nicht ausreichend unterstützt fand. Daß die sozial-liberale Koalition Großbritanniens, die so viele Wähler hat und wegen des britischen Wahlverfahrens so wenig Abgeordnete stellt, in der Times wie bei vielen englischen Intellektuellen sich großer Sympathien erfreute, ist auch richtige

Jemand, der die Geschichte des Sturzes von Harold Evans inzwischen von vielen Seiten gehört und jetzt also in dem Buch des ehemaligen Chefredakteurs der Times gelesen hat, kann dennoch nicht sicher sein, daß Rupert Murdoch ihn über die Klinge springen ließ, weil er mit seinen politischen Überzeugungen nicht einverstanden war. Im Gegenteil, das erscheint mir als sehr unwahrscheinlich. Wenn unter Evans die Millionen-Verluste der Times zurückgegangen wären, hätte ein Mann von der Art Rupert Murdochs eine so erfreuliche Entwicklung auch dann nicht abgeblockt, wenn er den Tenor der Times-Leitartikel für zu links-liberal gehalten hätte. Wenn es Harold Evans gelungen wäre, ein kollegiales Vertrauensverhältnis zu den Leitartiklern, den Ressortleitern, den Redakteuren der Times herzustellen, hätte Murdochs Macht nicht ausgereicht, ihn zu kippen. Dann wären die sechs „nationalen Direktoren“, die die britische Regierung dem Eigentümer der Times schon zu Lord Thomsons Zeiten vorgesetzt hatte, wohl doch in Aktion getreten.

Ein tüchtiger, intelligenter, von seinem Beruf besessener Mann stürzt aus großer Höhe. Stoff für eine griechische Tragödie? Das denn doch nicht. Charles Douglas-Home hatte wohl Recht, als er seinem stürzenden Chef sagte: Harry, das konnte nicht gut gehen. Sie und Murdoch waren einander zu ähnlich in ihrem Ehrgeiz und ihrer Besessenheit. Jemand wie ich wird da mehr Abstand wahren können.

Daß Harold Evans und Charles Douglas-Home um so weniger gut aufeinander zu sprechen waren, je näher die Wachablösung rückte, ist nur allzu verständlich. Daß da Ressentiments entstehen, die sich auch einmal in Wutausbrüchen entladen, das gibt es in jedem Betrieb, und in einer unter hektischem Termin-Druck arbeitenden Zeitungs-Redaktion erst recht. Daß Harold Evans diese Feindschaft zu seinem Nachfolger sein sonst nicht uninteressantes und in mancherlei Hinsicht sogar bemerkenswertes Buch hat vergiften lassen, indem er ihm Beschimpfungen nachwirft, die sogar ein Lord Beaverbrook als not fit to print nicht hätte durchgehen lassen, das disqualifiziert ihn nachträglich und eindeutig als Chefredakteur der Times. Denn das englische Idealbild vom gentleman wollen wir, wenn es schon überall bröckelt, doch wenigstens in der Times noch eine Weile aufrechterhalten finden.