Von Gerhard Sport

Bonn, Ende November

Trübe ist der November, doch die Friedensbewegung will nicht in Trübsal versinken. "Dem Staat ist es nicht gelungen", so resümierte Josef Leinen, einer der Sprecher, "uns zu demütigen, und wir werden auch nicht resignieren." Gleichwohl: Die ersten Pershing-Raketenteile sind aus Amerika eingeflogen worden – bei Nacht und Nebel. Sie wurden vorbeibugsiert an einer kleinen Gruppe schlafender Pazifisten. Man hat sie nicht verhindert. Aber ist es nicht merkwürdig, welche Manöver die Regierung und die Amerikaner sich einfallen lassen mußten? Das fragt die Friedensbewegung und fühlt sich als moralischer Sieger des Nachrüstungsherbstes. Solch verbales Selbstbewußtsein mildert die Erfahrung, in der realen Welt ohnmächtig gegenüber dem Lauf der Dinge zu sein.

Es war die große Angst der Friedensdemonstranten, daß sich ihre Bewegung entweder still auflösen oder mit einem lauten Knall verabschieden würde. Bisher ist nichts von beidem eingetreten. Darüber sind die Funktionäre der Pazifisten selber erstaunt. Die Funktionäre: Das sind die Vertreter von 26 Gruppen, zusammengeschlossen im "Koordinationsausschuß", einer Art Geschäftsführung. Er versorgt die 4000 Friedensinitiativen landauf, landab mit Parolen, Ideen, und er organisiert Aktionen. Als die Funktionäre sich Anfang dieser Woche auf den Bonner "Rheinterrassen" zusammensetzten, um gemeinsam nachzudenken, klopften sie sich erst einmal selber auf die Schulten gut gemacht, weiter so; wir können gar nicht verlieren.

Auch hier herrschte, wie in der Woche zuvor im Bundestag, das Gefühl vor, Vertreter einer Mehrheit zu sein, der besseren freilich: der moralischen. Gegen die grassierende Hybris wehrten sich nur zwei erfahrene Gruppen, die zum unabhängigen, kirchlichen Zweig der Friedensbewegung zählen: die "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" (ASF) und die "Arbeitsgemeinschaft Dienst für den Frieden".

Andreas Zummach – vom ASF in den Koordinierungsausschuß entsandt und einer von dessen umsichtigen, intelligenten Wortführern – sähe es am liebsten, wenn die amorphe, schwer einschätzbare Bewegung sich auf sich selber zurückzöge, über das Geschehen nachdächte und innerlich gestärkt vom Brainstorming zurückkäme. Gut – auch wenn die Raketen nach und nach mit Galaxy-Transportern einschweben –, die Gegnerschaft bleibt, das Gefühl der vielen einzelnen, dagegen kämpfen zu müssen; die Bereitschaft, auch vor persönlichen Folgen nicht zurückzuschrecken. Aber wie setzt man all das jetzt wirkungsvoll um? So wie zuvor, als wäre nichts geschehen, mit den inzwischen eingebürgerten Ritualen und Symbolen? Damit würde auch das Trauma der Friedensbewegung verstärkt, der Krieg sei nur noch eine Frage der Zeit.

Eben diese Weltsicht ließ die Avantgarde der Friedensbewegung am Tage nach der Bundestagsdebatte an Resignation oder Verzweiflung glauben. Wer die Apokalypse vor sich sieht, der muß wohl die Macht nur noch als Zynismus erleben, auf Konsequenzen sinnen.