Beunruhigt von der Beschlagnahme des Films „Das Gespenst“ durch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft und den sich mehrenden Akten verbaler und administrativer Kulturfeindlichkeit weist das P.E.N.-Zentrum Bundesrepublik Deutschland auf die Gefahren hin, die durch Diffamierung von Kunst und Künstlern und die versuchten oder tatsächlichen Einschränkungen von Informations- und Meinungsvielfalt dem Gemeinwesen als ganzem entstehen. Wie der P.E.N. seit langem beobachtet, greift die Praxis der pauschalen und persönlichen Denunziation von Journalisten und Schriftstellern in parteieigenen Zeitungen und öffentlichen Versammlungen immer mehr um sich. Sie wird neuerdings sogar zum Bestandteil von Festreden und Festvorträgen, wie bei der Veranstaltung des „Weißen Rings“ am 17. September 1983 in Heidelberg, bei der Professor Karl Steinbuch den Schriftsteller Heinrich Böll unwidersprochen der Verantwortung für kriminelle Umtriebe bezichtigen konnte. Dies ist der Anfang oder bereits die Folge einer Kampagne der Aufwiegelung, die vom bayerischen Ministerpräsidenten mit Ausdrücken wie „Afterkultur“ und „Entartung“ eingeleitet wurde... Statt die journalistische Freiheit gegen die Eingriffe und Angriffe der politischen Parteien und die Gängelung durch die Aufsichtsgremien zu verteidigen, sind Intendanten und Chefredakteure der Rundfunk- und Fernsehanstalten immer öfter bereit, Zensur freiwillig vorwegzunehmen, unbequeme Meinungen fernzuhalten, mißliebige Redakteure zu rügen und das Meinungsspektrum durch fragwürdige Programmrichtlinien einzuengen...

Aus einer Erklärung des P.E.N.-Zentrums an die Fraktionen des Bundestags, den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten.

Geißlers Stellungskrieg

Ob wir uns nun alle bald einen Gummistempel schneiden lassen: „Diese Woche indiziert / zurückgezogen / abgesetzt“? Oder ist auch schon das Wort „Gummistempel“ anstößig? So scheint es fast, wenn man hört, daß der verdienstvolle Heiner Geißler, CDU, Bundesfamilienminister, die vom NDR mit Unterstützung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgegebene Mappe „Betrifft: Sexualität“ verboten hat; sie entspreche nicht „den Vorstellungen der Bundesregierung über die Sexualpädagogik“. Ein Porno-Heft? Das ist die phantasievolle, oft heiter-lustige, oft ernst-belehrende schmale Mappe keineswegs (deren als Ergänzung gedachte Filmbeigaben damit automatisch mit-indiziert sind). Das sieht so aus: „Dieser Witz ist, wie die meisten Witze, nicht aus der Luft gegriffen. Die Kinder wollen im Fernsehen ‚Schweinchen Dick‘ sehen, aber der Vater meint, sie wollten seinen Penis betrachten. Das Mißverständnis, des Vaters ist verständlich: Er kennt – wie wir alle die ,offiziell‘ zugelassenen Wörter für das männliche Geschlechtsorgan. Er weiß aber auch, daß Kinder, ganz andere Wörter benutzen, wenn sie miteinander sprechen. Und daß sie oft auch neue treffende, witzige und anschauliche Wörter für Sexuelles erfinden. ‚Schweinchen Dick‘ könnte eine solche Neuerfindung sein. Denn da steckt einiges drin, was zum Penis paßt: ‚Dick‘ ist er – jedenfalls manchmal – und ‚Schweinchen‘ sind die, die ihn anfassen – pfui, das tut man nicht! (Immerhin ist das Angucken erlaubt, wenigstens in unserem Witz.)“ Derlei, versteht sich, ist unseren behüteten Kindern nicht zuzumuten. Und weil die Mappe den (leicht zu korrigierenden) Hinweis auf ein inzwischen vom Stuttgarter Oberlandesgericht verbotenes Buch enthält, muß sie weg. Die rechten Märchentanten tauschen „Schweinchen Dick“ gegen den Klapperstorch aus – der Westermann Verlag, der NDR, die Bundes zentrale: alles Ferkel.

Das Opernhaus des Präsidenten

Nunmehr haben der französische Staatspräsident geruht, seine Wahl zu treffen und der Öffentlichkeit davon Mitteilung zu machen. Demzufolge ist es dem 37jährigen, aus Montevideo stammenden kanadischen Architekten Carlos Ott mit seinem Entwurf gelungen, den Geschmack des Sozialisten Mitterrand und auch den des oppositionellen Gaullisten (und Pariser Bürgermeistes) Chirac zu treffen. Abgesehen von den insgesamt vierzehn Preisträgern des Wettbewerbs, an dem 744 Architekten aus aller Welt teilgenommen hatten, hat bisher keiner Nachricht bekommen, ob sein (kraft- und zeitraubendes) Engagement Erfolg gehabt hat oder nicht und warum. Der sozialistische Präsident hatte mit der Herablassung eines Potentaten erstens: der Jury nach ihrer Entscheidung Ende Juni nicht erlaubt, die Teilnehmer des (anonymen) Wettbewerbs zu erfahren; zweitens: die umgehende Veröffentlichung des Ergebnisses und des Jury-Protokolls verhindert; drittens: die letztliche Auswahl seinem gnädigen Geschmacke unterworfen. Die mit zwei Sälen versehene Volksoper soll zum Preise von 660 Millionen Mark gebaut und zur Zweihundert-Jahr-Feier der Französischen Revolution 1988 eröffnet werden. Die Pläne kennen bisher allein der Präsident und ein paar Eingeweihte, aber nicht die, denen die Oper gewidmet ist – das Volk.

Unglück

Vier lateinamerikanische Autoren zählen zu den 182 Opfern der Flugzeugkatastrophe, die sich am 27. November in Madrid ereignete. Der urugayische Essayist, Literaturkritiker und Universitätsprofessor Angel Rama (57, „Der lange Kampf Lateinamerikas“), seit vielen Jahren im Exil, wurde Ende letzten Jahres von der Reagan-Administration auf Grund „linker Tendenzen“ des Landes verwiesen. Seitdem lebte er mit einem Guggenheim-Stipendium in Paris. Seine Frau, die Argentinierin Marta Traba (53), Romanautorin und Begründerin des Museums für zeitgenössische Kunst in Bogotà, war eine der bedeutendsten Kunstkritikerinnen des Kontinents. Der peruanische, Romancier Manuel Scorza (55) wurde in Deutschland durch seine Romane „Trommelwirbel für Rancas“, „Garabombo oder der Unsichtbare“, Teile der Tetralogie „Der lautlose Krieg“ und durch seinen Besuch auf der Frankfurter Buchmesse 1976 bekannt. Scorza, von der Diktatur Odrias ins Exil getrieben, lebte viele Jahre in Paris und kehrte erst 1978 wieder nach Peru zurück. Der mexikanische Romancier und Dramaturg Jorge Ibargüengoitia (55) publizierte mehrere Romane, Theaterstücke, Reportagen und Satiren.