Zwischen Pflichten und Neigungen – Seite 1

ZEIT: Herr Regierender Bürgermeister, war die Entscheidung für Sie, sich als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten zur Verfügung zu stellen, eine Wahl zwischen Pflicht und Neigung – zwischen der Pflicht, in Berlin zu bleiben, und der Neigung, das hohe Amt in Bonn zu übernehmen?

Weizsäcker: Das war eine Wahl zwischen zwei Pflichten und zwei Neigungen. Für mich war das Amt in Berlin eine große Herausforderung und ein entscheidend wichtiges Kapitel. Zum ersten Mal hatte ich selber Wahlkämpfe in eigener Verantwortung zu führen, um ein Regierungsmandat zu kämpfen und es auszufüllen. Das ist eine Sache, die einen völlig erfüllt. Die Aufgabe, die Berlin stellt, hat mich hier verankert. Und die menschlichen Bindungen, die hier entstanden sind, haben mich hier verwurzelt. Das ist nicht nur Pflicht, sondern auch Neigung, die an Berlin bindet.

Die Aufgabe in Bonn ist gerade in der Zeit, die vor uns liegt, von besonderem Gewicht. Das Amt hat keine machtpolitische Kompetenz; deshalb kann jedermann den Äußerungen des Amtsinhabers viel unbefangener zuhören. Im Mittelpunkt dieser Aufgabe scheint es mir zu stehen, zur Verständigung beizutragen und an der Meinungsbildung mitzuwirken – und das in einer Gesellschaft, die ja nicht immer zusammenhält. Und auch da kommt Pflicht und Neigung zusammen. Aber daß meinem Entschluß eine langwierige Abwägung vorausgegangen ist, ist die Wahrheit.

ZEIT: Der Prozeß war ja nicht nur so langwierig, weil Sie selber abwägen mußten.

Weizsäcker: Natürlich nicht.

ZEIT: Hängt die Verzögerung, die Sie ja in Bedrängung gebracht hat, mit dem Wahlergebnis in Hessen zusammen, das die CDU schrecken mußte?

Weizsäcker: Es hat mich belastet, daß man sich zu öffentlichen Spekulationen in bezug auf die Kräfte in Berlin, meine eigene Partei und die eigene Person solange nicht äußern konnte – auch dort, wo diese Spekulationen völlig neben der Sache lagen. Der Blick auf die Hessenwahl war selbstverständlich völlig legitim. Die Hauptursachen für den Ausgang der Hessenwahlen lagen aber nicht in Hessen, sondern in bundespofitischen Zusammenhängen. Das hat der Bundeskanzler als allererster erklärt. Wir wollen bei Landtagswahlen selbstverständlich die primäre Verantwortung, die wir in einem Bundesland zu tragen haben, nicht auf den Bund abwälzen, und ich will auch den Anteil der eigenen Person an der Entwicklung in Berlin nicht künstlich verkleinern. Wer auch immer die Nachfolge hier übernimmt, wird nicht eine Kopie sein, sondern ein eigenes Profil haben. Aber dies jetzt im November 1983 auf die Wahlchancen im Frühjahr 1985 zu transponieren, ist Astrologie. Was ich nur zu prüfen hatte, war, ob nach meinem Urteil auf der Grundlage eines positiven Stimmungsumschwungs in Berlin nun strukturpolitische Maßnahmen auf den wichtigsten Gebieten in Berlin eingeleitet worden sind, die eine hinreichende Gewähr dafür bieten, daß sie auch fortdauern, wenn sie in der Hand guter Leute sind. Und da hat eine Senatsmannschaft im ganzen und eine gut arbeitende Koalition viel geleistet, nicht nur ein einzelner Mensch.

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ZEIT: Berlin braucht fraglos Zuwanderer wie Sie. Wird die Enttäuschung, die Ihr vorzeitiger Wegzug verursacht, nicht den notwendigen Austausch behindern?

Weizsäcker: Daß es in Berlin eine besondere Empfindsamkeit gibt, ist nicht nur ein Faktum, sondern auch völlig verständlich. Aber in allen Berufen gibt es in Wahrheit recht viel Zufuhr frischen Blutes, aber eben auch Wechsel. Es gibt ja überall ein Kommen und Gehen, davon kann Berlin sich im eigenen Interesse auch nicht ausnehmen.

ZEIT: Wie sehen Sie Ihre Aufgabe als Bundespräsident? Wo würden Sie Schwerpunkte und neue Akzente setzen?

Weizsäcker: Ich möchte keine programmatischen Erklärungen abgeben, bevor ich gewählt bin.

Aber ich hatte immer schon meine Überzeugung von den Schwerpunkten dieses Amtes. Ich habe nie die Geringschätzung gegenüber einem Amt ohne machtpolitische Kompetenzen geteilt, die man bei manchen Politikern, auch bei manchen Journalisten antreffen kann. Die potentielle Stärke dieses Amtes ist gerade mit seiner formalen Machtlosigkeit verbunden. Diese Stärke hat sich zu entfalten in der Meinungsbildung und in der Verständigung und auch im Denken in Kategorien deutscher Politiker über die Grenzen der Bundesrepublik Deutschlands hinaus.

ZEIT: Ich möchte einmal drei Stichworte nennen, die in der vor uns liegenden Zeit eine Rolle spielen werden: Die zunehmende Polarisierung zwischen Parteien und Gruppierungen, der Zustand des atlantischen Bündnisses, und die zunehmende Beunruhigung der Jugend.

Weizsäcker: Ohne jeden Zweifel spielen diese drei Themen, aber auch noch andere, eine große Rolle. Ich will aber über meine Fähigkeiten in diesem Zusammenhang nicht viel sagen. Wahr ist, daß ich mich, so lange, ich in der Politik tätig bin, teils zur Freude und teils zum Ärger anderer Politiker darum bemüht habe, über Parteigrenzen abzusichern. Das habe ich völlig ohne Hinblick auf das Amt des Bundespräsidenten getan. Aber dieses Bedürfnis kommt, wie ich hoffe, auch dem Amtsinhaber zugute.

Das Interview führte Joachim Nawrocki