Essen

Als der frisch bestallte Rektor der Essener Gesamthochschule, der Chemie-Professor Horst Gentsch, vor einem Monat seine Antrittsrede hielt, rutschten einige Zuhörer im Auditorium mißmutig auf ihren Sitzen hin und her. Nicht nur, daß die Rede – eine Art Kurzgeschichte der Chemie von 1800 bis heute – nach Ansicht eines Zuhörers "unter Reader’s-Digest-Niveau" war, und nicht nur, daß die losen Blätter des Manuskripts während des Vortrages zu Boden fielen und anschließend von Gentsch, wie eine aufmerksame Zuhörerin bemerkte, in falscher Reihenfolge zusammengestellt und verlesen wurden – mehr noch machte sich Unmut breit über die politischideologische Ausrichtung der Rede. Der neue Universitätsleiter erteilte allen Fortschrittsskeptikern in den eigenen akademischen Reihen eine Abfuhr und hielt ein Plädoyer für den in den letzten Jahren schwindenden Glauben an die Wissenschaft.

So zog Gentsch beispielsweise von der Entwicklung der Eisenbahn und der "Angst, man könne bei hoher Geschwindigkeit seinen Verstand verlieren", eine Parallele zu den Problemen der Gegenwart: "Bedenken Sie einmal, wieviel Ängste heutzutage Widerstand produzieren." "Der Umweltschutzgedanke" etwa werde heute "sehr oft von der veröffentlichten Meinung bestimmt", die bloß "auf das Schüren von Ängsten in der Bevölkerung" ziele. Gentsch: "Lokale Schäden werden zu Umweltkatastrophen, Waldschäden werden zu Waldsterben hochstilisiert." Worauf es vielmehr ankomme, das sei "ein neues unerschrockenes Verständnis der Wirklichkeit".

Aus dem anfangs gedämpften Mißmut über solche Töne wurde im Nu eine Welle der Empörung, als in der vergangenen Woche bekannt wurde, daß die Rede des Rektors gar nicht aus seiner eigenen Feder stammt. Sie ist von vorn bis hinten wörtlich abgeschrieben aus der 1981 erschienenen Broschüre "Ins Zeitalter der Chemie" des Hannoveraner Chemikers Hans König. Herausgeber der Schrift: Der Verband der Chemischen Industrie e. V.

Textanalysen und Quellenauswertungen waren überflüssig: Die Rede ist so offenkundig identisch mit der Vorlage – nur ganz wenige Formulierungen wurden variiert –, daß auch der Universitätskanzler Dieter Leuze sich nicht darüber streiten will, ob die Übereinstimmung nun "92 oder 95 Prozent" betrage.

Die gedankliche Eigenleistung des Rektors, schreibt der AStA, bestehe lediglich darin, daß er "so ziemlich alle Daten und Jahreszahlen aufgerundet" und "seine geographischen Kenntnisse voll eingesetzt hat": Aus den "waldreichen Gebieten Schweden und Sowjetunion" im Original wurden bei Gentsch die "waldreichen Gebiete von Schweden und Kanada".

Gentsch hat nicht nur fremdes Gedankengut übernommen, ohne den Urheber zu nennen – er hat einen komplett vorliegenden Text, wenn auch gekürzt, als eigenen Beitrag vorgetragen. Jeder Student, der sich so etwas leisten würde, erhielte als Quittung ein Ungenügend.