Der Hertie-Chef muß ohne die Höfe gelernter Warenhaus-Manager auskommen

Er muß gewußt haben, was er da sagte. „Als ich 1981 zu Hertie kam“, so beschrieb Bruno Lippmann. Vorstandschef beim viertgrößten Warenhauskonzern, in einem Interview mit dem Industriemagazin seine eigene Rolle, „war die Belegschaft völlig resigniert.“ Auf der diesjährigen Betriebsräte-Konferenz sei davon nichts mehr zu spüren gewesen: „Die Mitarbeiter sind wieder stolz, Hertianer zu sein.“

Mit diesem Lob der eigenen Leistung mußte Bruno Lippmann zugleich einen Kollegen treffen, dem kaum weniger Verdienste an der Trendwende bei Hertie zuzurechnen sind: Hans Ludwig Grüschow, seit achtzehn Jahren bei Hertie, gelernter Warenhaus-Mann und seit 1977 im Vorstand für Personal zuständig. Lippmanns Seitenhieb hat getroffen: Letzten Freitag bat Grüschow den Aufsichtsratsvorsitzenden, ihn „von seinen Aufgaben zu entbinden“. Der offiziell genannte Grund, die „beabsichtigte berufliche Neuorientierung“, sagt bestenfalls die halbe Wahrheit.

Bruno Lippmann war zur Überraschung der Handelsbräuche wie der Hertie-Führungscrew vom Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Georg Karg, dem einzigen Sohn des legendären Hertie-Herrschers Georg Karg, im Frühjahr 1981 an die Spitze des Vorstandes perufen worden, Damals aber zeigten sich bereits erste Erfolge des Sanierungskonzepts „UK ’80“, das Hans Ludwig Grüschow – im Auftrag des Aufsichtsrats – seit 1979 entwickelt und eingeleitet hatte,

Um das seit 1971 Verluste schreibende Handelshaus wieder in schwarze Zahlen zu bringen, verordnete Grüschow die Schließung der vier verlustträchtigsten Häuser, Noch im Frühjahr 1981 führte Grüschow den eigenen Plan durch. „Ohne die guten Kontakte zu der Arbeitnehmerseite“, so kommentieren noch heute Hertie-Betriebsräte, „wäre das nicht so geräuschlos über die Bühne gegangen.

Doch das Unternehmenskonzept zeigte zugleich auch eine Vorwärtsstrategie auf: Kleinere Häuser wurden organisatorisch an größere angebunden, Sortimente wurden gestrafft, Warenlager konzentriert, Lieferanten reduziert. Und Hertie sollte seine Marketingkonzeption auf die Wettbewerbslage der einzelnen Häuser umstellen. Für Lippmann indes war das alles „nicht umfassend genug“, wie er dem Industriemagazin gestand, aber immerhin „ein Schritt in die richtige Richtung“, Ein Lob, das wie eine Ohrfeige wirkt.

Ob der Abgang von Grüschow auch ein Schritt in die richtige Richtung für Hertie ist, das muß Vorstandschef Lippmann indes noch beweisen. Immerhin zog mit Grüschow, den Lippmann wohl stets als ernsthaften Rivalen betrachtet hat, der letzte „Hertianer“ bei Hertie aus dem Vorstand. Und derzeit gibt es nicht einmal mehr einen gelernten Warenhausmanager im Führungsgremium – ein Novum in der traditionsreichen Geschichte der heimischen Warenhauskonzerne.