Fünf starke Bände umfaßt Rankes „Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation“, sechs, wenn man Anhänge und Register dazurechnet. Den ersten Band hatte der Dreiundvierzigjährige im Jahre 1839 erscheinen lassen; mit dem 1847 vollendeten Ganzen eröffnete er dann als Zweiundsiebzigjähriger (1867) die Reihe seiner „Sämtlichen Werke“, seine Hinterlassenschaft mit dem gleichen Bedacht ordnend, wie es der alte Goethe, siebenundsiebzigjährig, mit der „Ausgabe letzter Hand“ unternommen hatte. Als Goethe starb, waren davon vierzig Bände erschienen; als Ranke 1886, fast blind, das Zeitliche segnete (dieser Ausdruck ist bei ihm nicht unangebracht), hatte das Altberliner Verlagshaus Duncker und Humblot fünfzig Bände eines nicht minder gewaltigen Lebenswerkes veröffentlicht.

Freilich hat das literarische deutsche Publikum der Prosa des Historikers nicht den gleichen Ruhm zugebilligt wie derjenigen seines gefeiertsten, obgleich nicht gelesensten Dichters; denn der Name eines Dichters ist bei uns noch immer mit einer besonderen Würde versehen, der des „Schriftstellers“ wird geringer geachtet, und die Hervorbringungen eines Gelehrten haben kaum eine Chance, in den Kanon der großen Literatur aufgenommen zu werden. Wie zweifelhaft dieser verengte Literaturbegriff ist, vermag eine Lektüre der „Deutschen Geschichte“ zu zeigen. Denn in diesem Werke ist soviel Welt wie in Shakespeares Dramen enthalten, vergangene Welt, die wieder zum Leben kommt. Die Erzählung ist von einer solchen Anmut und scheinbaren Leichtigkeit, daß man ihr nur die größte Prosa an die Seite stellen kann.

Und das angesichts eines gewaltigen, ungefügen Stoffes, der zu den bedeutendsten der Geschichtsschreibung zählt. Denn das Werk hat nicht die Reformation zum Gegenstand, so eingreifend ihre Wirkungen auch waren und so sehr sie dem lutherischen Pfarrerssohn am Herzen lagen, der die Völker für Gedanken Gottes hielt und der im vierten Band (wie auch öfter) den Satz niederschrieb: „Wie weit übertreffen die göttlichen Geschicke menschliche Gedanken und Entwürfe.“ Vielmehr begriff er die Reformation, so wie die deutsche Geschichte überhaupt, als ein europäisches Ereignis, welches die europäische Welt veränderte, und die war ihm die eigentlich geschichtliche. Und so beginnt er mit einer „Ansicht der früheren deutschen Geschichte“, schildert den Zustand des Reiches Ende des 15. Jahrhunderts und läßt dann die beiden Figuren auftreten, die dem 16. Jahrhundert das eigentümliche Leben gaben, Karl V. und Martin Luther: den Kaiser also, dessen Imperium ein Weltreich war und der sich am Ende im spanischen Kloster fragte, ob er das dem Augustiner gegebene Wort für ein freies Geleit nicht hätte brechen müssen.

Zur Größe des Buches gehört, daß es die bewegenden Kräfte vor Augen rückt, die von den Glaubensfragen ausgelöst auf die politische Welt einwirkten. Es ist die ganze damalige Welt, von der die Rede ist, vom fernen Türken bis zum näheren Papst und zum nahen Venedig, zur ganz nahen und anderen Schweiz und dem am fernen Horizont erscheinenden Amerika – zu schweigen von den deutschen Territorien. Bis vor kurzem war es auch noch unsere Welt, oder doch die unserer Väter.

Von nichts war Ranke weiter entfernt als von einer Ereignis-Chronik. Zuallererst ist er Erzähler, wiewohl nicht um des Erzählens willen, was seinen späteren Epigonen unbewußt geblieben ist. Seine Erzählung gründet sich auf selbsterworbene Quellenkenntnis (deren unmittelbaren Gebrauch Ranke allererst in die Historie eingeführt und seinen Schülern gelehrt hat), gespeichert und zur Verfügung gehalten von einem schier unglaublichen Gedächtnis. Aber unglaublich ist nicht allein das Gedächtnis, vielmehr die Fähigkeit, so viele disparate Einzelheiten zu einem großen, farbigen und lebhaften Bilde zusammenzufügen. Nie bleibt die Einzelheit punktuell oder lokal, immer ermöglicht sie eine allgemeine Folgerung, so wie die zuweilen mitgeteilten Anekdoten unterhaltsam erscheinen, aber begreiflich werden lassen, was der von Ranke wie von jeglicher Geschichte himmelweit entfernte Hegel den „Zeitgeist“ nannte.

Das alles wäre nicht möglich und nicht so eindringlich, wenn zu den Fähigkeiten des Gelehrten nicht noch das unvergleichliche schriftstellerische Vermögen träte, von dem die deutsche Literaturwissenschaft keine Kenntnis genommen hat. Er verfügt über einen den Leser zuweilen wie Musik bezaubernden Wechsel der Töne, der zugleich ein Wechsel der Perspektiven ist. Vom örtlichen Vorgang wird, der Blick in die Weite, zuweilen eine welthistorische Weite geführt. Es ist ein Blick (und auch hier sieht man sich an Goethe erinnert), der im einzelnen immer ein Ganzes wahrzunehmen vermag. Wenn von großen Zusammenhängen die Rede ist, so bewahrheiten sie sich immer wieder in der individuellen Erscheinung. Stets ist der Autor selbst anwesend, nicht nur in der Eleganz der von ihm angekündigten Übergänge, sondern auch in der verantwortlichen Qualifikation seiner eigenen Urteile, wenn er etwa sagt: „Ich weiß nicht, ob ich irre“, oder einschränkt: „Ich möchte es nicht behaupten.“ Er ist nicht minder anwesend an jenen nicht häufigen, aber um so unüberhörbareren Stellen, wo er seinen Überzeugungen hervorzutreten erlaubt. Man könnte aus der „Deutschen Geschichte“ eine Sammlung von Sentenzen destillieren, denen isoliert freilich die Begründung fehlen würde, Sätze wie: „Aus der alles andere negierenden Idee erhebt sich notwendig und allemal der Schrecken“, ein Grundsatz dessen, was später Ideologiekritik heißen sollte. Aber auch Sätze wie die über Luthers Kleinen Katechismus: „Der Katechismus, den er im Jahre 1529 herausgab, von dem er sagt, er bete ihn selbst, so ein alter Doctor er auch sei, ist ebenso kindlich wie tiefsinnig, so faßlich, wie unergründlich, einfach und erhaben. Glückselig, wer seine Seele damit nährt, wer daran festhält! Er besitzt einen unvergänglichen Trost in jedem Momente: nur hinter einer leichten Hülle der Kern der Wahrheit, der den Weisesten der Weisen genugthut.“

Solche Bekenntnisse allerdings gestattet sich Ranke nicht oft. Um so häufiger wird seine Lust wirksam, sich und dem Leser Situationen, besser gesagt, geschichtliche Momente und Personen gegenwärtig zu machen. Das geschieht mit einer großartigen Knappheit: „Ein kleiner, blonder Mann, mit blauen halbgeöffneten Augen, voll Feinheit der Beobachtung, Laune um den Mund, von etwas furchtsamer Haltung: jeder Hauch schien, ihn umzuwerfen; er erzitterte bei dem Wort Tod“ – das ist Erasmus.

In so wenigen Sätzen wird schon fühlbar, daß die gängige Qualifikation dieses großen Autors als eines aus Thüringen stammenden preußischen Konservativen, vom König durch die Verleihung des schwarzen Adlerordens geadelt, kaum hinlänglich ist. Solche Urteile erreichen einen Geist nicht, den man mit Thukydides vergleichen muß, will man ihm gerecht werden, oder mit Burckhardt, dem ihm einzig ebenbürtigen. Nur wenige Nationen besitzen ein der „Deutschen Geschichte“ vergleichbares Werk, das den Nachgeborenen ein ganzes Zeitalter dauerhaft begreiflich macht, und zwar so, daß alle nachfolgende Forschung es wohl ergänzen oder stellenweise korrigieren, niemals aber erschöpfen kann. Sie bleibt von ihm abhängig und wohl nicht zuletzt, weil die historische Wahrheit, welche Ranke erstrebte, nicht allein die Wahrheit der Tatsachen war. „Die Momente“, so schrieb er im vierten Band, „die den Fortgang der Welthistorie bedingen, sind, ich möchte sagen, ein göttliches Geheimniß; der Werth des Menschen beruht auf seiner Selbstbestimmung und Thätigkeit.“

Walther Killy

Walther Killy, 1917 geboren, ist Professor für Neuere deutsche Sprache und Direktor der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel.