Von Nina Grunenberg

Die Bonner Diplomaten und Militärs sind bei der Nato lange Zeit sehr bescheiden aufgetreten. Nur schrittweise wurde ihr Kontingent zum „Stabselement“. Darauf achteten auch die anderen Mitgliedsländer. Die Wiedergeburt der westdeutschen Armee hatte in ihnen die düstersten Erinnerungen geweckt. In ihren Augen bot der Nordatlantikpakt nicht nur einen Schutz für die Deutschen, sondern einen Schutz auch vor den Deutschen. Die Befürchtungen unserer Nachbarn spiegelten sich in dem Aufnanmezeremoniell wider, das dem Beitritt zum Nordatlantik-Vertrag im Mai 1955 vorausging. Im Pariser Protokoll von 1954 mußten sich die Deutschen mit ihrer Unterschrift verpflichten, „sich jeglicher Handlung zu enthalten, die mit dem rein defensiven Charakter dieses Vertrags unvereinbar ist“.

„Man muß sich den Satz auf der Zunge zergehen lassen“, sagt fast dreißig Jahre später der rothaarige deutsche Nato-Oberst Lorenz Huber, Jahrgang 1938. Er sagt es mit der Attitüde eines nachdenklichen Professors für neue deutsche Geschichte. Eine ähnliche Formulierung findet sich in keinem anderen Aufnahmeprotokoll der insgesamt sechzehn Mitglieder des Nordatlantikpaktes.

Huber sitzt als Chef des Stabes in der Grundsatzabteilung des Internationalen Militärstabes im Brüsseler Nato-Hauptquartier und gehört zu jener handverlesenen Offiziers-Gruppe, deren Spezialgebiet internationale Militärpolitik ist. Wer zu diesem Klub gehört, spricht in der Regel ohne Krampf über deutsche Kriegshypotheken im Bündnis. Es ist nicht nur Hubers Jahrgang, der für Abstand sorgt, sondern auch sein für einen deutschen Offizier unerwartet hoch entwickeltes politisches Fingerspitzengefühl. „Wer in der Nato arbeitet“, findet Lorenz Huber, „der muß nicht schuldbewußt sein, aber sensibel.“

Als sich 1956 die ersten sieben deutschen Offiziere bei SHAPE – Supreme Headquarters of the Allied Powers in Europe, dem obersten Hauptquartier – zum Dienst meldeten, kamen sie „ohne Pauken und Trompeten“. Es gab, wie der Spiegel damals berichtete, „kein Hackenknallen, keine durchdringenden Blicke, keine zackigen Kopfbewegungen, keine forschen Schritte, keine laut erhobene Stimme“. Die Offiziere erschienen in Zivilkleidung und sahen aus wie „Diplomaten, die ihre Regenschirme vergessen hatten“. Die Neuen traten betont zurückhaltend und bescheiden auf. Die Respektabilität, die ihnen die Mitarbeit in der Nato verlieh, wurde von den Offizieren dankbar empfunden.

Wie spiegelt sich 28 Jahre später die Rolle der Deutschen bei der gemeinsamen Verteidigung des Westens im Personalproporz der drei obersten Hauptquartiere wider?

In Brüssel sitzt der Nordatlantik-Rat, das höchste politische Organ der Allianz. Die; sechzehn Mitgliedsstaaten lassen sich in dem 1966 binnen weniger Monate hochgezogenen Fertigbau-Labyrinth durch ihre Ständigen Vertreter und deren Delegationen repräsentieren. Für die Bundesrepublik besorgt dieses Geschäft seit 1980 Botschafter Hans-Georg Wieck Seine Erfahrung in Fragen der Sicherheit und der Allianz hat ihn zu einem wandelnden Dogmatik-Lehrbuch gemacht.