Vom ersten Tag an „auf der Rolle“ sind in Brüssel oder bei SHAPE in Mons solche Offiziere, die zusätzlich zu ihrer deutschen Generalstabsausbildung ein englisches oder amerikanisches Militär-College besucht haben. Das sind nur wenige – in der Regel bloß der Jahrgangsbeste eines Generalstabslehrgangs. Die anderen müssen sehen, wie sie zurechtkommen. Doch haben sie es in jedem Falle leichter als die ältere Generals-Generation, die die Nato-Welt noch aus dem Blickwinkel des Rußlandfeldzuges betrachtete und Altgriechisch oder Latein konnte, aber die Nato-Sprache nicht verstand.

Auf den ersten Blick haben die jungen Obristen und Oberstleutnants von heute mit ihnen kaum noch etwas gemein. Vielmehr scheint es, als habe Wolf Graf Baudissins reformerisches Erbe in ihrer Erziehung und Bildung die deutlichsten Spuren hinterlassen. Die große Zahl der nachdenklichen und klugen Gesprächspartner belegt es. Ihre politische und intellektuelle Sensibilität ist dabei überraschend. Wer sie sieht, kann sie sich eher zeitunglesend vorstellen, als auf dem Kasernenhof Befehle brüllend. Wieviel sie noch vom „scharfen Schuß“ verstehen, bleibt im dunkeln. Ihre betonte Nonchalance steht mitunter in krassem Gegensatz zur Hackenknallerei ihrer Vorväter.

„Wie das mit den Deutschen eben so ist“, merkte ein Beobachter dazu an: „Wenn sie die Schleusen öffnen, strömt mitunter ein bißchen viel Wasser raus.“ Für das englische Gardemaß fehlt den Bundeswehr-Vertretern manchmal die richtige Mitte zwischen Straffheit und Laxheit. Vielleicht mangelt es ihnen auch an jenem Phlegma, das die Briten in kritischen Situationen so selbstbeherrscht macht. Doch sind sie ein Führungsnachwuchs, mit dem Bonn sich im internationalen Vergleich sehen lassen kann.

Auf der Ebene der Obristen, der „action officers“, wird in derNato am härtesten gearbeitet. Hier wird die „policy“ entworfen, werden die Vorgesetzten in die Sachzwänge eingepaßt, wird nationaler Einfluß geltend gemacht. Wer auf dieser Ebene erstklassige Leute hat, hat auch die Chance, sich durchzusetzen. Das sehen die anderen Nato-Mitglieder an den Amerikanern. Sie pumpen nicht nur ständig neue Ideen in die Nato, sondern auch zusätzliche Leute – am häufigsten auf der Obristenebene. Die einzigen, die mit diesem Aufwand noch einigermaßen mithalten, sind die Engländer. Sie sind clever. Die Deutschen sind bienenfleißig.

Mangelt es den Deutschen in der Nato an Posten oder an, Qualitäten? Wenn sie kleinmütig werden, finden die Bundeswehr-Soldaten oft, daß sie nicht angemessen genug in den Führungspositionen der Nato vertreten sind. Die typische deutsche Position sei der Stellvertreter, heißt es, oder der Vorzimmerlöwe: Der Bürochef des amerikanischen Stabschefs bei SHAPE ist ein deutscher Oberst. „Wir sind überall dabei, aber gehören nirgendwo richtig dazu“, sagt ein Offizier.

Aus historischen Gründen und aus Mangel an Erfahrung ist der Führungsanteil der Deutschen in der Nato nicht so groß, wie er gemessen an ihrem Beitrag zum Bündnis sein könnte. Zum anderen ist das Personalreservoir für die Nato nach wie vor gering. Nicht einmal die smarten deutschen Obristen können den Blick auf die Tatsache verstellen, daß es bei der Bundeswehr kein Überangebot von Offizieren gibt, die in Fragen der internationalen Sicherheit inklusive der „Nukleartheologie“ erfahren, talentiert und qualifiziert sind.

Da gibt es zwar typische Karrieren, aber es sind immer wieder dieselben Namen, die dabei auftauchen: Wolfgang Altenburg, der jetzige Generalinspekteur; Generalmajor Hans-Peter Tandecki, der Leiter der Militärpolitik im Bundesverteidigungsministerium; der Zwei-Sterne-General Hans Henning von Sandrat, derzeit Leiter der Operationsabteilung im obersten alliierten Hauptquartier in Mons und demnächst deutscher Heeresinspekteur; der Zwei-Sterne-General Jürgen Schlüter, zur Zeit ebenfalls bei SHAPE; und Brigadegeneral Rolf Hüttel, zur Zeit Kommandeur der Panzerbrigade XIII. Der Kreis ist winzig – gemessen an der halben Million Soldaten, die in den westdeutschen Streitkräften dienen.