Von Michael Jungblut

Jubel, Trubel, Heiterkeit: Überall in diesem unseren Lande werden die Vorbereitungen für einen freudigen Empfing getroffen. Denn wie ein Lauffeuer hat sich in den letzten Wochen des Jahres 1983 die Kunde verbreitet: Er kommt.

Die Rede ist natürlich vom Aufschwung. Denn auch wenn ihn noch keiner gesehen hat, so haben doch viele schon Indizien dafür entdeckt, daß er irgendwo hinter der nächsten Ecke sein könnte.

So optimistisch wie diesmal sind die Prognosen an der Schwelle des neuen Jahres jedenfalls schon lange nicht mehr gewesen. Der Sachverständigenrat, wissenschaftliche Institute, Verbandspräsidenten, Politiker und alle, die sich sonst noch dazu berufen fühlen, wetteifern darum, wer die hellsten „Silberstreifen am Horizont“ entdeckt.

Tatsächlich steigt die Zahl der Arbeitslosen langsamer, hat die Zahl der Firmenpleiten abgenommen, der Konsum sich belebt, der Export an Schwung gewonnen. Die Autoindustrie erzielte im Inland Absatzarekorde; die Anbieter von Computern und anderen Büromaschinen können nicht klagen; die Banken haben ein glänzendes Geschäftsjahr hinter sich; in der chemischen Industrie hat sich das Blatt ebenso gewendet wie in der Elektrotechnik. Sogar in der Stahlindustrie schöpfen die Manager wieder Hoffnung und korrigieren ihre Produktionspläne nach oben. Statt der von den meisten Konjunkturpropheten für 1983 erwarteten Stagnation oder gar einer erneuten Schrumpfung der gesamtwirtschaftlichen Leistung wuchs das Bruttosozialprodukt 1983 übers Jahr gerechnet um ein Prozent Das ist nichts im Vergleich zu den Wachstumsraten der fünfziger und sechziger Jahre – aber wir sind nach den vielen Krisenjahren so bescheiden geworden, daß auch über kleine Fortschritte Freude aufkommt Deshalb verlängern die meisten Wirtschaftspropheten den positiven Trend auch fröhlich ins neue Jahr.

Das war vor zwölf Monaten noch ganz anders. Damals war die Modefarbe grau. Kaum ein Tag verging ohne neue Hiobsbotschaften: Arbeitslosenrekorde, Umsatzeinbußen, Verluste, Entlassungspläne, Pleiten selbst bei Firmen mit einst klangvollen Namen beherrschten die Schlagzeilen, Entsprechend düster waren auch die Prognosen für das kommende Jahr. Am trübsinnigsten von allen blickten die Vertreter des oft als „Kassandra von Kiel“ bespöttelten Instituts für Weltwirtschaft (IWW) in die Zukunft: „Für die Wirtschaft insgesamt ist ein Produktionsanstieg im Durchschnitt des Jahres nicht erreichbar. Ein gleich hohes reales Sozialprodukt wie 1982 ist, berücksichtigt man den schlechten Start ins Jahr 1983, schon eine eher optimistische Prognose. Bei einer solchen Produktionsentwicklung ist für das ganze Jahr 1983 mit einer Verschlechterung der Arbeitsmarktlage zu rechnen. Die Arbeitslosenzahl wird im Jahresdurchschnitt bei etwa 2,4 Millionen liegen. Die Spitze der Arbeitslosigkeit in dieser Rezession dürfte erst Anfang 1984 erreicht werden, und zwar mit dann fast drei Millionen.

Wie ein Blick auf die Tabelle „Prognose und Wirklichkeit 1983“ zeigt, haben sich die Kieler nicht gerade als Scharfschützen qualifiziert. Aber auch die anderen Wirtschaftspropheten haben nicht allzu oft im Schwarze getroffen. Die meisten können schon froh sein, wenn sie wenigstens das Vorzeichen richtig gesetzt haben. Aber auch damit hatten sie ziemlich oft Pech. Das gilt in ganz besonderem Maß für den privaten Verbrauch, Hier haben die in der Tabelle vertretenen Wirtschaftspropheten allesamt eine Schrumpfung erwartet Das Gegenteil war richtig, Vieles spricht dafür, daß die Konjunkturforscher den Trend diesmal richtig einschätzen. Aber ebenso wie im vergangenen Jahr müssen sie auch für die kommenden zwölf Monate wieder eine Rechnung mit vielen Unbekannten machen.