Von Horst Bieber

Für die meisten Entwicklungsländer war 1983 das schlimmste Jahr seit der großen Weltwirtschaftskrise vor über fünf Jahrzehnten. Die in Nord und Süd fortdauernde Rezession begrub endgültig alle Hoffnungen, nach der staatlichen Souveränität durch schnelles Wachstum auch wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erreichen. Statt dessen geht es in vielen Staaten der Dritten Welt inzwischen um das nackte Überleben. Etwa 40 000 Hungertote pro Tag – ein Drittel davon Kinder – machen zweifelhaft, ob dieser Kampf überhaupt noch gewonnen werden kann.

Schummer noch: Es gibt keine gültigen Entwicklungsmodelle mehr. Die Schuldenkrise in Lateinamerika offenbarte, daß weder eigener Reichtum (Mexiko) noch eine auf Kredit finanzierte Industrialisierung (Brasilien), noch eine forcierte Anpassung an den Weltmarkt (Argentinien und Chile) als Rezept taugen. Eigene „dritte Wege“, wie in Tansania, Sambia oder Moçambique erprobt, führten ebenfalls in die Stagnation, Dabei zeichnen sich die verheerendsten Folgen erst am Horizont ab: Im Management der Schuldenkrise kommt der Norden aus Eigeninteresse dem Süden vorerst entgegen, aber danach werden die Kredite spärlicher fließen. Der Süden wird weniger Hilfe erhalten, obwohl er mehr braucht.

Die ersten Zeichen hat Washington bereits gesetzt. Sein Zögern, den internationalen Hilfsorganisationen mehr Geld zur Verfügung zu stellen, entspricht wie die Invasion auf Grenada einer auch in Westeuropa zu beobachtenden Haltung, Hilfe nach Wohlverhalten und politischer Gefolgschaft zu verteilen, ideologisch feindliche Staaten entweder auszuschließen oder zu bedrohen. Die Blockfreien-Bewegung wird in ihrem Bemühen, sich als dritte Kraft zwischen den Supermächten zu etablieren, durch ihre wirtschaftliche Schwäche zurückgeworfen, zumal auch der Rückschlag des Opec-Kartells das Modell einer Süd-Süd-Kooperation entzaubert hat.

Die Probleme werden also größer, die Kontakte zwischen dem Norden und Süden nicht besser. Der im mexikanischen Cancun (Oktober 1981) versprochene Nord-Süd-Dialog hat auch im vergangenen Jahr nicht stattgefunden. Auf der Welthandelskonferenz der Vereinten Nationen in Belgrad wurden im Sommer noch einmal die alten Maximalpositionen vorgetragen, die neue Weltwirtschaftsordnung mit ihrem dirigistischen Grundmuster steht gegen das Freihandelsprinzip des Nordens, der als Hauptabnehmer „südlicher“ Rohstoffe freilich in der Lage ist, die Bedingungen zu diktieren – und das auch tut. Im Süden blieb die Einsicht unterentwickelt, daß nicht alle Ziele auf einer Konferenz erreicht werden können; im Norden siegte noch einmal der Egoismus.

Das vergangene Jahr wurde so zum Jahr der Ratlosigkeit – ratlos, weil sich die Unfähigkeit zum Kompromiß und zur Kooperation herausstellte, weil viele Mechanismen (von den Rohstoff-Fonds bis zu den Modellen des Technologie-Transfers) versagten und der Süden noch weiter zurückblieb, von der modernen Elektronik bis zur wirtschaftlichen Organisation. Vor allem aber nahm die bis dahin gewachsene Einsicht Schaden, daß Nord und Süd wohl sehr unterschiedliche, aber dennoch Partner sind, die sich einigen müssen. Statt dessen handelten immer mehr Staaten nach dem Motto „Rette sich, wer kann“.

Anfang des Jahres 1983 veröffentlichte die Nord-Süd-Kommission ihren zweiten Bericht (deutsch: „Hilfe in der Weltkrise“). Willy Brandt schrieb im Vorwort: „Wir wiederholen, daß nach unserer Überzeugung Wandel und Veränderung unvermeidlich sind. Die Frage ist nur, ob wir sie aus freien Stücken gestaltend herbeiführen oder ob sie uns aufgezwungen werden durch Umstände, über die wir als internationale Staatengemeinschaft kaum Kontrolle haben. Noch ist Zeit für die notwendigen Entscheidungen, doch sie ist knapp, und jeder Tag zählt.“ Die Zeit wurde nicht genutzt.