Die Woge biographischer Literatur der letzten Jahre bestand zu einem guten Teil aus Erinnerungen an den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Memoiren, die in die unmittelbare Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik hineinleuchten, sind selten. Zum Neuanfang im anderen Teil Deutschlands gibt es fast nichts, jedenfalls keine persönlichen Erinnerungen und Lebensbilder, in denen die enttäuschten Erwartungen von Zeitgenossen lebendig werden, die an der Aufbauphase der DDR teilgenommen und zunächst an die ja auch von der UdSSR proklamierte Errichtung eines demokratischen Deutschlands geglaubt hatten. In der Memoirenliteratur, die aus der DDR kommt, ist dieses innere Erleben, sind die begrabenen Hoffnungen, vor allem der psychische Druck, der zur Anpassung an die Parteilinie führte, regelmäßig ausgespart. In diese Lücke tritt nun das Buch eines ehemaligen Strafrichten in Sachsen:

Dietrich Güstrow: „In jenen Jahren – Aufzeichnungen eines ,befreiten‘ Deutschen“; Verlag Severin und Siedler, Berlin 1983; 383 S., 39,80 DM.

Den roten Faden liefert der Weg des Autors aus dem zerstörten Berlin, wo er bis April 1945 Strafverteidiger war, in den vom Krieg weitgehend verschonten Ostharz. Hier wird er – als einer der ganz wenigen Unbelasteten – erst Bürgermeister, später Richter an einer Sonderstrafkammer, bis er sich den politischen Zumutungen der Sonderjustiz durch die Flucht in den Westen entzieht.

Das Buch liefert jedoch mehr als die Wendungen eines persönlichen Schicksals unter den Bedingungen sowjetischer Herrschaft im besiegten Deutschland. Es schildert aus der Binnensicht eines Beteiligten das allmähliche Wachsen einer neuen Staatsgewalt. Nachdem die alte mit ihren Machthabern verschwunden war, war für kurze Zeit „das Rathaus der Mittelpunkt der Welt geworden. Es war das einzige, was vom Staat geblieben war“. Von den Gemeinden und den Landratsämtern, also von unten her entwickelte sich unter der Fuchtel des jeweiligen Militärkommandanten eine neue lokale Staatlichkeit; zumeist einfach dadurch, daß irgendwelche unverdächtigen Leute zu „Mr. Burgomaster“ und zum örtlichen Polizeichef gemacht wurden. Gleichzeitig bildete sich Staatsmacht auch von oben neu, kontrolliert von der SMAD, der sowjetischen Militäradministration, die bis zur Gründung der DDR 1949 die volle Regierungsgewalt ausübte.

Daß und wie die SMAD von 1945 an in Mitteldeutschland eine Besatzungspolitik trieb, die durch politische, ökonomische und sozialstrukturelle Weichenstellungen in ihrer Zone auf deren faktische Eingliederung in den Ostblock zielte, ist in jeder Darstellung der DDR-Geschichte nachzulesen. Der Reiz des Güstrowschen Buches liegt darin, wie diese Absicht sich für den Strafrichter in seinen alltäglichen, zum Teil erschütternden Erfahrungen allmählich herauskristallisiert und schließlich zu der Erkenntnis führt: „Es war eine Pflicht der Nachkriegsjustiz, die wirklich Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Aber Betriebsinhaber, die gezwungenermaßen Granatringe statt Teekessel hergestellt hatten, wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu Zuchthaus und Vermögenseinziehung zu verurteilen, das war nach keinem nationalen und internationalen Strafrechtsbegriff zu begründen.“

Der Autor erlebt diesen Aufbau einer sozialistischen Staatlichkeit gewissermaßen auf einer „mittleren Ebene“. Denn sein Amt bringt ihn nur hin und wieder in Kontakt mit den bekannteren Figuren der großen Politik, etwa mit Hilde Benjamin, der gefürchteten Justizministerin, die erfolglos versuchte, den 1946 in die SPD Eingetretenen mit Villa, Privatwagen und Sonderzuteilungen in das Berliner Justizministerium zu locken. Aus seinem engeren Kreis schildert Dietrich Güstrow eine Reihe namentlich genannter Zeitgenossen: Funktionäre, Militärs, Richter, ehemalige Häftlinge, Künstler, Schieber, Kriminelle.