François Mitterrand: Ein Sozialist zwischen kühnen Plänen und nüchterner Wirklichkeit

Von Roger de Weck

Nebel hing über den Feldern, man schrieb den 1. Januar 1974. „Die Knospen der weiten Kamelie haben sich über Nacht geöffnet. Ich habe meine erste Blume in diesem Jahr gepflückt. Nun liegt sie da, makellos gezeichnet, unbefleckt. Ich liebe diese Blume: ungefällig, steif und streng zwischen ihren glasierten Blättern, läßt sie andere Blumen Wehmut und Düfte verbreiten“, notierte vor genau zehn Jahren François Mitterrand in sein lose geführtes Tagebuch.

Der Poet wurde Präsident, steif und streng hielt er Einzug in den Elysée-Palast. Seither sind bald tausend Tage verflogen und tausend Träume; so mancher Alptraum aber wurde Wirklichkeit. Derweil im Tschad französische Soldaten aufmarschierten, hielt in Beirat der Tod bereits schreckliche Ernte. So mußte eines Novembertages die Kraft des Geistes der Feuerkraft von Super-Etendard-Maschinen weichen: 38 Fliegerbomben auf einen „terroristischen Stützpunkt südöstlich von Baalbek“ genügten vorderhand, am den Mord an 58 jungen Franzosen zu rächen.

Während zwei Jahrzehnten der Opposition war Mitterrand! einzige Waffe das Wort gewesen. Aus dem komme de lettves, der sich am 1. Januar 1974 in eine weiße Kamelie einfühlte, ist ein Mann der Tat geworden, der am 1. Januar 1984 die Geschicke der sterbenskranken Europäischen Gemeinschaft in die Hand nimmt. Jahrelang arbeitete er auf die Einigung der zerstrittenenfranzösischen Linken hin, nur ein halbes Jahr aber ist ihm vergönnt, um die widerspenstigen zehn zu zahmen und zu versöhnen. Mitterrand muß Albions eiserne Lady erweichen und Helmut Kohl, den beharrlichen Zauderer aus deutschen Landen, für sich einnehmen.

Als häuften sich nicht auch zu Hause die Schwierigkeiten... Die französische Wirtschaft „kämpft mit dem Rücken zur Wand“, vermeldet der Finanz- und Wirtschaftsminister Jacques Delors. Die Franzosen haben „mangelndes Vertrauen in die Regierung und in die Mehrheit“, deutet Mitterrand die allsonntäglichen Niederlagen bei Teil- und Nachwahlen. Der kommunistische Regierungspartner kommt ihm allemal widerspenstiger, auf die Gewerkschaften – erst recht die sozialistische – ist immer weniger Verlaß.

Denn der französische Präsident betreibt längst nicht mehr die Politik, für die er gewählt worden ist. Einst gab er Versprechen, nun übt er Verzicht. Als mit allen Wassern gewaschener Politiker tut er mit Überzeugung das, wozu er gezwungen ist: sparen, haushalten, sich einschränken. Der intellektuelle Mitterrand ist in dieser Hinsicht ein ziemlich gewöhnlicher Staatschef geworden. Auch er schnallt jetzt den Gürtel eng, so eng, wie es um die zierliche Taille von Marianne eben geht.