Von Dieter Bohl

Die Saison des Mißmutes in den europäischamerikanischen Beziehungen läßt sich nicht durch Jahresfristen begrenzen. Sie ist dauerhafter. Was vielfach als akute Verrenkung diagnostiziert wird, gleicht eher einer chronischen Verspannung. Seelenmassagen versprechen wenig Abhilfe. Das angeknackste Partnerschaftsverhältnis zwischen Amerika und Europa verlangt nach einer gründlicheren Behandlung.

Die Anzeichen der transatlantischen Entfremdung mehrten sich im abgelaufenen Jahr. Die Europäer schüttelten den Kopf über die amerikanische Invasion auf Grenada und das militärische Engagement im Libanon, sie beklagten Washingtons barsche Töne gegenüber der Sowjetunion und Ronald Reagans Rüstungsdrang. Die Amerikaner wiederum stießen sich an den Massendemonstrationen gegen die Raketen, am Kleinmut und Stirnmenwirrwarr in Europa. Der jeweilige Ärger über den anderen fußte nicht auf flüchtigen Mißverständnissen, er basiert auf grundsätzlichem Dissens.

Wie er entstehen konnte, erklärt ein Blick auf die politischen Barometer. Drüben herrschen harte Entschlossenheit und neu erwachtes Selbstbewußtsein, hüben regen sich Selbstzweifel und zugleich zaghafter Ernanzipierungswille. Wo diese Stimmungsfronten aufeinanderprallen, müssen sich Gewitter bilden. Sie entladen sich nicht nur, wenn es um die Gestaltung des Ost-West-Verhältnisses oder um größere Verteidigungsanstrengungen geht. Blitz und Donner dreien zunehmend auch, wenn Wirtschaftsfragen wie die Exportquoten für europäischen Stahl oder amerikanische Futtermittel auf der Tagesordnung stehen.

Ähnlich gelagerte Konflikte hat es zwischen Amerika und Europa seit Kriegsende immer wieder gegeben. Die Ziele und Interessen beider Seiten waren nie ganz gleich gelagert. Was sich im vergangenen Jahr geändert hat und für das neue zusätzliche Belastungen erwarten läßt, ist die Tonlage der Streitigkeiten. So scharf wie jetzt hat es lange nicht, wenn überhaupt je, über den Atlantik hin- und hergeklungen. Amerikas Kraftmeier schimpfen auf die Eigensucht der Europäer und drehen damit, den Isolationismus-Knüppel aus dem Sack zu ziehen. In den Sprechchören der europäischen Friedensdemonstrationen schwingen neben der Angst vor den Rekten der Zorn über die Amerikaner und oft auch die Sehnsucht nach einer neutralen Nische zwischen den Supermächten mit.

Das Feldgeschrei auf beiden Seiten des Atlantiks läßt eine Erkenntnis außer acht, die für die Partnerschaft stets wichtig war: die Gewißheit, voneinander abhängig zu sein. Um diese Selbstverständlichkeit neu ins Bewußtsein zu heben, genügen jedoch weder Brandreden noch die Beschwörung der sowjetischen Gefahr. Denn ebensowenig wie die Supermächte am Abrüstungstisch zueinanderfinden werden, wenn sie nicht gleichzeitig eine Basis des politischen Vertrauens herstellen, kann ein Konsens in der Sicherheitspolitik allein auch die Alte und die Neue Welt nicht wieder aneinanderschmieden. Um die Zusammenarbeit des Westens zu beleben, bedarf es zusätzlicher Gemeinsamkeiten. Dazu zählt die Einigung über die außenpolitischen Prioritäten ebenso wie eine synchronisierte Haltung gegenüber der Dritten Welt und die verbindliche Rollenbeschreibung im härter werdenden Verteilungskampf der Weltwirtschaft.

Während des vergangenen Jahres hat Westeuropa nur wenig zum Zwiegespräch über den Atlantik beigetragen. Außer Kritik an Amerikas Weltpolitik war kaum etwas zu hören. Zu sehr sind die europäischen Länder mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, zu oft orientieren sie sich bloß an ihren eigenen Kirchturmspitzen. Das reicht nicht, um die westliche Supermacht zu beeindrucken. Auch gemeinsam wiegt ihr Wort nicht schwerer. Zwar hat die Europäische Gemeinschaft wenigstens verbinden, das Washington den KSZE-Prozeß verließ. Aber um mehr zu erreichen, um die Weltmächte zur Raison zu bringen und zur Rüstungskontrolle zu zwingen, fehlte den Zehn die Kraft. Solange Kakophonie statt Harmonie ihr politisches Erscheinungsbild bestimmt, wird die Gemeinschaft keinen nachhaltigen Einfluß geltend machen können. Europa als der zweite Pfeiler der Atlantischen Allianz, wie ihn John F. Kennedy einst beschwor? Europa gar als neues Kraftfeld der Vernunft zwischen den großen Mächten? Das bleibt vorerst eine Illusion. Wer sie mit Friedseligkeit gegenüber Amerika und mit Anbiederungsversuchen an die Adresse der Sowjetunion verwirklichen möchte, kann schon im neuen Jahr unsanft aus seinen Wunschträumen geweckt werden.

Auch die Amerikaner haben jedoch keinen Anlaß, ihren Part im Bündnis selbstgefällig zu betrachten. Als sie zum Jahresende den Beginn der Raketen Stationierung als Beweis ihrer Führungskraft feierten, übersahen sie die Gefährdung amerikanischer Autorität. Sie gründet sich nicht auf Raketenspitzen, sondern auf den Respekt der Alliierten. Ihn durch eine Außenpolitk mit Augenmaß wieder herzustellen, bleibt Washingtons Pflicht; wie es die Aufgabe der Europäer sein wird, nörgelnde Wehleidigkeit endlich durch mutige Initiative zu ersetzen. Erst wenn beides gelingt, wird die Saison des Mißmuts in den europäisch-amerikanischen Beziehungen zu Ende gehen. Daß dies schon 1984 geschieht, wagen heute wohl nur Optimisten vorherzusagen.