Einsichten und Ausblicke beim Jahreswechsel

Von Theo Sommer

I.

Ein Wort hatte Hochkonjunktur im Jahre 1983: Wende. Die einen erhofften, die anderen befürchteten einen politischen Umkehrschob. In Wahrheit hat es eine Wende nicht gegeben, konnte es sie auch gar nicht geben. Die neue Bonner Regierung hat das Ruder um einige wenige Kompaßstriche herumgelegt und mag so in ferner Zukunft auch eine neue Bestimmung erreichen. Doch hat sie das Staatsschiff der Bundesrepublik Deutschland nicht auf der Stelle drehen können. Auch sonst hat auf der Weltbühne keine der handelnden Figuren dem Geschehen eine neue Richtung zu geben vermocht.

Dies kann niemanden verwundern, der sich dazu anhält, die Aktualität immer wieder an den Erfahrungen der Geschichte zu messen. Radikale Kursänderungen kommen in normalen Zeiten selten vor. Gemeinwesen sind unbeweglich wie Supertanker – die Formulierung von Peter Glotz barg eine tiefe Einsicht. Bei aller Neuerung bleibt doch die Kontinuität das wesentliche. So sehr sich auch die Medien und die Möchtegern-Neuerer bemühen, die Abweichung hervorzuheben, es ist die Fortsetzung, die zählt. Es gibt keinen Neuschnee, hat schon Tucholsky festgestellt.

Ein weiteres ist im Jahre 1983 vielen aufgegangen: Geschichte braucht Weile. Neues wächst nur allmählich. Wie der Prediger Salomo sagt: „Alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Es geht nicht immer alles gleich und nie alles zugleich.