Gegenleistung für 200 Millionen Mark: Das Päckchen nach drüben soll nicht mehr verschwinden

Im nächsten Jahr soll alles besser werden im innerdeutschen Postverkehr: Briefe sollen vom Juli an nur noch zwei Tage unterwegs sein, egal ob der Brief von Hamburg nach Eisenach geht oder nur vom Ost-Berliner Bezirk Pankow zum West-Berliner Bezirk Tegel. Die Bundesrepublik wird dafür 200 Millionen Mark im Jahr zahlen; bisher ließ sich die DDR ihre Leistungen nur mit SS Millionen Mark vergüten. Versprochen wird dafür außerdem, daß keine Pakete mehr verschwinden.

Mancher wird sich allerdings gefragt haben, wie das gehen soll, wird vielleicht sogar gedacht haben: Bis jetzt hat die DDR-Post schlampig gearbeitet und nun, mit etwas mehr Geld, ist sie bereit, so zu arbeiten, wie sich das gehört. Was, bitteschön, wird mit den zusätzlichen 115 Millionen im Jahr gemacht?

Im Ministerium für Post- und Fernmeldewesen in Ost-Berlin – es liegt in der Mauerstraße, die schon so hieß, als sie noch nicht in die jetzige Berliner Mauer mündete – wird die Zusatzforderung mit Zusatzleistungen begründet: Briefe und Postkarten werden zwar etwa ebensoviel ans der DDR in die Bundesrepublik geschickt wie eingekehrt, ganz anders aber ist es bei den Paketen. Aus der DDR gehen jährlich rund fünfeinhalb bis sechs Millionen Pakete in die Bundesrepublik, umgekehrt sind es dagegen über zwanzig Millionen, also fast das Vierfache – und das bedeutet mehr Leistung für die DDR-Post. Außerdem telefonieren sehr viel mehr Menschen von West nach Ost als von Ost nach West. Denn meist kommt die Verbindung von West nach Ost viel schneller zustande als umgekehrt, weil aus Richtung DDR weniger Telefonleitungen geschaltet sind. Das gilt sowohl zwischen den beiden Teilen Berlins als auch zwischen der DDR und der Bundesrepublik. Westdeutsche können schon aus fast allen Orten mit der DDR telefonieren, achtzig Prozent ihrer Gespräche sind automatisiert, das heißt durch Selbstwahl verbunden. In umgekehrter Richtung sind nur wenige Orte so leicht per Telefon zu erreichen, und es werden auch nach den neuen Vereinbarungen kaum mehr.

Bei den Briefen ist zwar die Menge hin und her ausgeglichen, doch die Bezahlung nicht. Ein Brief von Duisburg nach Schwerin kostet achtzig Pfennige, ein Brief von Leipzig nach München aber nur 35 Pfennige. Die DDR-Post subventioniert die Briefe ihrer Bürger, ein Brief innerhalb Ost-Berlins zum Beispiel kostet zehn Pfennige, innerhalb der DDR kostet er zwanzig Pfennige, und geht er ins Ausland (wozu für die DDR auch die Bundesrepublik zählt), bezahlt man ganze 35 Beispiel Die Kosten aber steigen. So hat zum Beispiel die DDR-Reichsbahn der Gütertarife erhöht, auch das ist Bestandteil der neu ausgehandelten Pauschale; Haupttransportmittel der Post ist nun einmal die Bahn. Um Postsendungen schneller zu befördern, sollen ab Juni nächsten Jahres, mit Beginn des neuen DDR-Fahrplans, Züge effektiver genutzt werden, zum Beispiel kontinuierlich über den ganzen Tag und auch nachts. Auch Züge ohne Postwagen sollen in Zukunft Postbeutel mit Briefen und Karten mitnehihrer So kommen auch kleinere Orte schneller zu ihrer Post.

Wie aber soll verhindert werden, daß Pakete verschwinden? Es sei üblich, daß Pakete wegkommen, sagen die Herren von der DDR-Post. Das sei überall auf der Welt so. Der Umfang des Paketverkehrs zwischen den beiden deutschen Staaten übersteige jedoch weit den Verkehr zwischen anderen Ländern. „Wir sprechen von Massenhaftigkeit“, heißt es. Daß gerade der Verlust von Paketen in die DDR auffällt, liegt vielleicht auch daran, daß über die Hälfte aller Pakete, die die Bundesrepublik verlassen, in die DDR gehen.

Das und auch die versprochene Postbeschleunigung erfordert mehr Personal. Das kostet mehr Geld: mehr Lohn für DDR-Postler, die an den Umschlagplätzen schneller sortieren und verladen, die für durchgängigen Dienst sorgen, also die Post auch nachts weiterbefördern; mehr Personal auch für die Ballungsgebiete, in denen mehr Post zu verteilen und auszutragen ist Ob auch mehr jener grauen Männer vom Staatssicherheitsdienst eingestellt werden, um Westbriefe schneller zu lesen und ob auch ihr Salär in der Gebührenpauschale enthalten ist oder ob zwecks Beschleunigung der Post auf ihre Dienste weitgehend verzichtet werden soll – darüber wird es kaum verläßliche Auskünfte geben. Marlies Menge