Von Viola Roggenkamp

Lübeck

Ein ist früher Vormittag. In der Küche ihrer kleinen Altstadtwohnung steht die 86jährige Anna Menk und bereitet sich wie jeden Morgen ihr Frühstück. Der Briefträger macht die Runde, Außer den üblichen Reklamesendungen bekommt die die Frau nur selten Post. Heute ist ein Brief für sie dabei, ein Brief vom Lübecker Amtsgericht. Sie nimmt ihn mit in ihre Küche, setzt sich an den Tisch, kramt die Brille hervor, trinkt einen Schluck Kaffee, öffnet den Umschlag und liest langsam die wenigen Zeiten:

„Sehr geehrte Frau Menk, der Sozialdienst des Jugendamtes der Hansestadt Lübeck hat beantragt, für Sie eine Pflegschaft wegen geistiger Gebrechlichkeit anzuordnen. Zur Begründung wurde angeführt, Sie seien wegen Ihrer geistigen Gebrechlichkeit nicht mehr in der Lage, Ihre Vermögensangelegenheiten oder die Bestimmung Ihres Aufenthaltes selbst zu regeln. Es ist daher beantragt worden, Ihnen einen Pfleger beizuordnen. Sie erhalten hiermit Gelegenheit zur Stellungnahme binnen 10 Tagen. Hochachtungsvoll von Bockelmann.“

Umständliche Worte und wenig Zeit für einen Menschen, dem geistige Gebrechlichkeit unterstellt wird. Diese Frau von Bockelmann kennt Anna Menk nicht Sie hat die Richterin nie gesehen. Bernd Weidemann dagegen kennt sie gut. Das ist der Zivildienstleistende, der dreimal in der Woche zu ihr kommt. Außerdem sieht ihr Neffe, Hermann Reimann, ein 73jähriger Rektor a. D., ziemlich regelmäßig bei ihr nach dem Rechten. Den Brief findet Anna Menk ein wenig beunruhigend. Besser gar nicht drum kümmern, denkt sie.

Verwüstete Wohnung