Von Christian Schmidt-Häuer

Der Fall ist ohne Beispiel in der sowjetischen Geschichte: Ein Plenum des Zentralkomitees wird bis in die letzte Woche des Jahres verschoben, um dem schwerkranken Parteichef einen Auftritt zu ermöglichen. Aber dieser muß wiederum bekennen und verlesen lassen, daß er „vorübergehend nicht in der Lage sei“, zu erscheinen. Nach der Logik aller Kreml-Machtkämpfe müßten sich die Verbündeten und Nachfolgekandidaten dieses siechen Mannes vorsichtig von ihm absetzen, auf Distanz geben. Doch das Gegenteil tritt ein: Andropows Anhänger und seine Personalpolitik feiern den bisher größten Triumph seit der Machtübernahme im November 1982.

Eine solche Konstellation und Koalition hat es bisher noch nicht gegeben. Mit Michail Solomenzew (70) und Witalij Worotnikow (57) als den neuen Politbüromitgliedern und Jegor Ligatschow (63) als ZK-Sekretär hat das Zentralkomitee die Parteigänger eines möglicherweise schon todkranken Mannes (Andropow), eines von Breschnjew ausgebooteten Kronprinzen (Kirilenko) und eines vor fast zwanzig Jahren gestorbenen Breschnjew-Rivalen (Frol Koslow) an die Schaltstellen der Personal-Entscheidungen gesetzt. Damit ist Andropows Anti-Korruptions-Kampagne und seinen Saubermännern auch auf höchster Ebene der Durchbruch gelungen. Der 72jährige Konstantin Tschernjenko, der offiziell zweite Mann der Partei und graue Anwalt der müden Bürokratie, hat eine schwere Schlappe erlitten – und mit ihm jener Teil des Parteiapparats, der sich im alten Breschnjew-Stil weiter durchmogeln mochte.

Den Personalentscheidungen des ZK-Plenums werden freilich keine großen Reformen folgen; sie bedeuten nur, daß sich der Versuch einer autoritären Modernisierung gegen die parasitäre Bürokratisierung durchgesetzt hat, daß ein „stromlinienförmiger“ Zentralismus mit Disziplin und Kontrollen den Technokraten bessere Wege bahnen soll. Das jetzt in Andropows Namen verlesene wirtschaftspolitische Grundsatzreferat hat nur das bestätigt, was ihn bisher schon von seinem Gegenspieler trennte: Während Tschernjenko populistisch für mehr Gleichheit eintritt, will der Parteichef mehr Reserven mobilisieren durch Leistung – ohne Liberalisierung. Ob Andropows personalpolitischer Triumph alleine ausreicht, um dieses Programm erfolgreich zu verwirklichen, steht auf einem anderen Blatt.

Wichtiger für die aktuelle Entwicklung im Kreml – wo der Kampf um Korrekturen ohnehin nur Millimeterarbeit ist – erscheint, daß sich Andropows Garde auf diesem ZK-Plenum nicht nur gegen Tschernjenko durchgesetzt hat. Die Militärs – und damit auch ihr derzeitiger Verbündeter, Außenminister Gromyko – bekamen personalpolitisch keinen Stich. Die Spekulationen über einen Aufstieg der Generalstäbler Ogarkow und Achromejew in die höchsten Parteigremien erwiesen sich als voreilig. Zwar rückte ein Armeegeneral zum Politbüro-Kandidaten vor – doch der ist nicht Berufssoldat, kommt nicht vom Militär, sondern von der Konkurrenz: der 60jährige KGB-Chef Wiktor Tschebrikow. Der personelle Mißerfolg der Genetik ist eine Bestätigung für Andropows „mittleren“ Kurs. Die Militärs haben zwar mehr Profil in der Öffentlichkeit gewonnen, weil sie sich auf eine Koalition mit Gromyko und seinen Diplomaten stützen; sie konnten aber in der Parteihierarchie und unter den Technokraten keine Petitionen ausbauen, weil Verteidigungsminister Ustinow im Bündnis mit Andropow ihren Vormarsch bremste.

Die Siege des siechen Mannes erklären sich damit, daß die jüngeren Nachfolgekandidaten und Technokraten – wie Romanow und Gorbatschow, wie Alijew, Dolgich und Ryshkow – in Ermangelung von Alternativen auf Andropows Politik gesetzt haben, statt sich von ihm abzusetzen. Andropow ist kein Mann der Zukunft, Aber seine Disziplin-Kampagne, seine bei Marx entliehene Devise „Regel und Ordnung“, sein Kult der Saubermänner sind zum Programm geworden, das die Mehrheit der Parteiführung und die jüngeren Kronprinzen vorerst eint.

So hat der älteste und gesundheitlich schwächste Parteichef, der im Kreml je an die Macht gekommen ist, diese doch am schnellsten konsolidieren können. Seine Vorgänger benötigten dazu im Durchschnitt fünf Jahre. Stalin brauchte trotz aller Verschlagenheit lange, um Trotzki, Sudans und Sinowjew zu stürzen; Chruschtschow rang mit Ben ja, Malenkow, Molotow, Kaganowitsch, Bulganin; Breschnjew kämpfte zunächst um die Kronprinzenrolle mit Frei Koslow und führte einen jahrelangen Stellungskrieg mit Scheljepin, Kossygin, Suslow, Andropow dagegen vereinte schon nach einem halben Jahr die drei Funktionen seines Vorgängers auf sich: Er ist Generalsekretär, Vorsitzender des Verteidigungsrates und Staatschef. Beim ZK-Plenum im vergangenen Juni konnte er seine Verbündeten zwar noch nicht bis ins Politbüro durchboxen. Doch auf der mittleren und unteren Ebene des staatlichen und ideologischen Apparats, vor allem aber im wichtigen Parteibereich für Personalfragen schuf Andropows Garde durch konsequente Neubesetzungen die Basis für den jetzigen großen Sprung.