Von Helmut Becker

Die japanische Umweltpolitik wird in Europa nicht in gemessen zur Kenntnis genommen“, kritisiert Helmut Weidner und fährt fort: „Die journalistische Berichterstattung über Japan wie auch manche Interpretation, die uns führende westliche Politiker anbieten, sind von konsequenter Einseitigkeit.“

In seinem vom Berliner Internationalen Institut für Umwelt und Gesellschaft 1982 veröffentlichten, Report erteilt der Wissenschaftler Nippon besonders gute Zeitsuren dort, wo die Deutschen außer Atem geraten: „Bei der Senkung der Automobilabgase ... konnte Japan beeindruckende Luftqualitatsverbesserungen erzielen“, schreibt Weidner. Dann empfiehlt er „die japanische Strategie“ wärmstens den Ländern, die „wie die Bundesrepublik das Problem immer noch nicht gelöst haben“.

Der Industriegigant Japan, dessen Umweltskandale in den fünfziger und sechziger Jahren das weltweite medizinische Fachvokabular um Krankheitsbilder wie Minamata (Quecksilberverseuchung), Itai-Itai (Cadmiumvergiftung) und Yockaichi-Asthma bereicherten, nun als bespielhafter Umweltschützer? Tatsächlich häufen sich die Japanvisiten europäischer und deutscher Expertendelegationen, die nach Möglichkeiten der Koexistenz zwischen Industrialisierung und Umweltschutz Winden. Sogar VW-Vorstandschef Carl Hahn klagte vor Wochen in Tokio den Japanern sein Leid: „Bei uns bat sich der Wald auf die Krankenliste gesetzt.“ Gesucht wird neuerdings neben dem ökonomischen auch der ökologische Rat Japans.

Das Inselreich bietet sich als Modellfall geradezu an: Aller Schmutz ist hausgemacht und nicht – wie in Deutschland oder Skandinavien – vom Nachbarn herübergeweht oder angeschwemmt.

Seit das Waldsterben in Europa die Öffentlichkeit beschäftigt, gelten die japanischen Vorschriften für Autoabgase – bislang eher als böswillige Importhürde beargwöhnt – selbst der ausländischen Kraftfahrzeugindustrie als diskutabler Weg zur Verminderung des Schadstoffausstoßes. Japan nimmt in diesem Bereich eine Spitzenposition ein“, urteilt die Weidner Studie. Bei so viel Lob von außen hat dann auch die japanische Regierung keinen Grund, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Stolz berichtet das neueste Weißbuch des Umweltschutzamtes, die Nation habe sich „aus der kritischen Situation, die einst herrschte, hinausbewegt“.

Wer sich durch das Verkehrsgewühl der japanischen Großstädte oder über die fast immer verstopften Autobahnen des Landes quält, möchte es trotz der weltweiten Komplimente an Nippons Luft- und Umweltschutzqualität aber immer noch am liebsten mit den berühmten drei japanischen Affen halten: sich Mund, Augen und Ohren zuhalten. Wo sich Japans 42 Millionen Kraftwagen auf engstem Raum bewegen, erscheint den unmittelbar Betroffenen die Lage im Gegensatz zum amtlichen Optimismus immer noch kritisch. Nahen er sich von ferne großstädtischen Magistralen oder Fernstraßen, glaubt er auf Flächenbrände zuzusteuern. Busse, Lastwagen und Kleintransporter verdunkeln mit ihren Abgasen den Himmel über den Hauptverkehrsadern auch tagsüber. Die zahllosen Ampeln bringen den Durchgangsverkehr überdies alle paar hundert Meter systematisch zum Stillstand. Anfahren, Gas geben, abbremsen – wenn es der Rückstau überhaupt zuläßt. Auch Autos mit Benzinmotor stinken verdächtig – was sie nach Vorschrift eigentlich nicht dürften.