Von Dietrich Strothmann

Zum Jahresende schien es, als bekäme das Nahost-Karussell noch einmal neue Fahrt: Der PLO-Chef Jassir Arafat, bereits zum zweitenmal aus dem Libanon gejagt, traf sich in Kairo zu einem Versöhnungsgespräch mit dem ägyptischen Präsidenten Mubarak. Daraufhin legten die eher glücklosen Amerikaner sogleich frischen Mut an den Tag: Sie seien zu der lange erwarteten Anerkennung der palästinensischen Befreiungsorganisation bereit, sofern Arafat seinerseits Israel anerkenne; sie wollten nun auch den jordanischen König Hussein ermuntern, seine Verhandlungen mit dem Palästinenser-Führer über eine Föderation des Westjordanlandes wiederaufzunehmen; und – dies als drittes Resultat der Arafat-Austreibung aus Tripoli – sie fanden sich endlich mit einer Teilung des geschundenen Libanon zwischen Syrien, Israel und dem amtierenden Präsidenten Amin Gemayel ab, der als eine Art Oberbürgermeister über Beirat und die nähere Umgebung regieren soll.

Bessere Aussichten also am Ende des alten für den Beginn des neuen Jahres – wenigstens für einen Teil des Nahen Ostens, freilich den gegenwärtig gefährlichsten und gefährdetsten? Denn über die Folgen des iranisch-irakischen Stellungskrieges, der bereits in sein viertes Jahr geht, wie auch über das Ausmaß neuer Unruheherde in der Golf-Region nach den Bombenanschlägen in Kuwait herrscht nach wie vor Rätselraten. Vor allem Washington fragt, welcher Funke von dort mit welchen Wirkungen wohin überspringen kann. Amerika hat allen Grund, sich zu erkundigen. Es spielte schon während des vergangenen Jahres eine immer wichtigere Rolle im Nahen Osten – ob im Libanon oder in Israel, im Golf-Gebiet oder beim Streit um die Palästinenser. Aus zwei Gründen wird es auch künftig im Mittelpunkt des Interesses stehen:

  • Tatsächlich hat es vor allem Washington – nach dem ersten israelisch-arabischen Friedensschluß von Camp David – in der Hand, für Frieden oder Krieg im Nahen Osten zu sorgen. Gerade auf Amerika ruhen viele Hoffnungen, obwohl es mit seinen Bemühungen schon so oft Schiffbruch erlitten hat.
  • Gleichzeitig hat sich die westliche Supermacht, wie unter einem lähmenden Zwang, den Nahen Osten als einen der „Hauptkampfplätze“ mit der anderen Großmacht, der Sowjetunion, ausgesucht. Unter dieser geradezu neurotischen Konfrontationssucht litten die Betroffenen, die in Libanon verstrickten arabischen Partner, und profitierte allein Israel als westliche Vormacht wider den angeblich vordringenden Kommunismus Moskauer Prägung. Wie sonst auch ist zu verstehen, daß Washingtons Nahost-Strategen Syrien bei der Suche nach einem Libanon-Kompromiß derart sinnlich vernachlässigt haben. Wie anders ist zu begreifen, daß sie Israel mit dem Abschluß eines Vorzugsvertrages quasi in den Rang eines amerikanischen Bundesstaates erhoben? Der Sowjetunion sollte auf diese Weise deutlich gemacht werden: Bis hierher und nicht weiter!

Deswegen kümmerte sich der sonst so kühl kalkulierende Außenminister George Shultz nicht weiter um den syrischen Libanon-Kontrahenten, als er im Mai jenes Abkommen zwischen Beirat und Jerusalem aushandelte, das dann folgerichtig zu den tödlichen Verstrickungen der US-Marines (250 Tote) und dazu führte, daß sich Ronald Reagan nun wohl oder übel mit der Dreiteilung des Libanon abfinden muß. Anders bekommt er seine ,,Jungens“ zu Beginn des Präsidentschaftswahlkampfes im Spätsommer nicht nach Hause. Dabei hatte er hochgespannte Erwartungen mit der libanesisch-israelischen Übereinkunft verknüpft. Schließlich wollte auch er eine Art Camp David vorweisen können, nachdem schon seine Friedensinitiative vom September 1982 so kläglich gescheitert war.

Vor allem den Sowjets hat auch Israel die hohen Geldzuweisungen und die „strategische Übereinkunft“ zu danken, mit denen sich Amerika stärker als bisher und einseitiger als je zuvor engagiert hat. Dazu beigetragen hat gleichfalls der Rücktritt des ständigen Querulanten Menachim Begin wie auch die kühne Kalkulation, sich mit solchen Gaben die Nachgiebigkeit der neuen israelischen Regierung unter Jitzhak Schamir bei künftigen Gesprächen mit dem jordanischen König über die Zukunft des besetzten Westjordanien, wenigstens aber die Drosselung, vielleicht sogar den Stopp des Besiedlungsprogramms erkaufen zu können. Am Ende werden, wie schon im ablaufenden Jahr, auch diese Rechnungen nicht aufgehen.

Bereits im Mai hatte sich George Shultz getäuscht, als er nach dem gescheiterten Reagan-Plan und der geglückten libanesisch-israelischen Einigung empfahl: „Am besten ist es, die ganze Angelegenheit eine Zeitlang durch Stillhalten zu fördern.“ Es kam genau umgekehrt. Die Amerikaner gerieten noch tiefer in den libanesischen Morast Und erst dieser Tage haben die Israelis mit der forcierten Besiedlung am Jordan für den Fall gedroht, daß Ronald Reagan die Ankündigung wahrmachen und den ins jemenitische Exil vertriebenen Jassir Arafat diplomatisch anerkennen sollte.