Seitdem nun auch die OECD einen weltweiten Wirtschaftsaufschwung für 1984 prognostiziert, haben die Optimisten in den Börsensälen wieder Oberwasser. Die Jagd auf die letzten „Zurückgebliebenen“ hat eingesetzt. Davon profitierten vor dem Jahreswechsel auch die GHH- und MAN-Aktien, obwohl beide Unternehmen unabhängig von einer konjunkturellen Belebung noch eine lange Durststrecke vor sich haben. Da nützen auch nicht Hinweise darauf, daß bei MAN der Vorstand, der für mehrere hundert Millionen Verluste verantwortlich zeichnet, weiterhin fest im Sattel sitzt, oder Empfehlungen, GHH- und MAN-Aktien doch besser zu meiden, bis ein neues Unternehmenskonzept vorliegt. Nach dem Motto „An Fußkranken ist an der Börse das meiste Geld zu verdienen“ haben sich mutige Anleger sowohl bei GHH als auch MAN engagiert. Immerhin: Wer GHH Stamm-Aktien zu 128 Mark gekauft hat, kann sie beste zum Preis von knapp unter 160 Mark wieder abstoßen. Das entspricht einem Kursgewinn von rund 35 Prozent.

Mannesmann-Aktien befinden sich trotz der Dividendenungewißheit ebenfalls im Aufwärtstrend. Sie zählen – ebenso übrigens wie die VW-Aktien – zu den „Rennern des Jahres 1984“, wie die Börsenpropheten herausgefunden haben wollen. Bei Mannes mann ist der Grundstein für die Wende gelegt, meint die ADCA-Bank. Gleiches gilt für das Volkswagenwerk, wo 1983 die bilanzielle Bereinigung aller Schwachpunkte stattfinden soll, so daß 1984 die Bahn für die Wiederaufnahme der Dividendenzahlungen frei ist. Für 1983 geben die Aktionäre noch einmal leer aus. Das stört die Käufer von VW-Aktien nicht. Denn was sind sieben oder acht Mark Dividende bei Kurverwaltungen von dreißig bis vierzig Mark?

Während in der Stahlindustrie weitere Massenentlassungen bevorstehen und die Konzerne nach Bonner Hilfe rufen, haben ihre Aktien zu einer neuen Abwärtsbewegung angesetzt. Schon im Frühjahr hatte es eine kleine Hausse gegeben, aber das war ein Frühstart gewesen. Ist die bessere Bewertung der Stahl-Aktien jetzt fundierter?

Die Käufer von Stahl-Aktien sind der Meinung, daß es Hinweise für eine Milderung der Stahlkrise gibt. Der Stahlhandel meldet bereits eine Geschäftsbelebung, die – so wird angenommen – schon bald zu einer höheren Auslastung der Kapazitäten führen muß. Der bessere Absatz beim Edelstahl wird ebenfalls als ein Indiz der sich abzeichnenden Wende gewertet.

Interessant ist, das diesmal nicht – wie sonst – Thyssen-Aktien im Mittelpunkt stehen. Diese Rolle hat Hoesch übernommen, wo bereits in diesem Jahr schwarze Zahlen geschrieben werden und wo Börsianer von der Wiederaufnahme der Dividendenzahlungen für 1984 träumen. Davon kann bei Thyssen noch keine Rede sein. Thyssen verfügt zwar über hochmoderne inländische Kapazitäten, die ein hohes Maß an Wettbewerbsfähigkeit garantieren, aber zugleich auch in der amerikanischen Tochter Budd, Hersteller von Autozubehör und Eisenbahnwaggons, über eine Verlustquelle, die bislang nicht gestopft werden konnte. 1984 sollen die Verhältnisse bei Budd endlich konsolidiert sein, meint der Thyssen-Vorstand. An der Börse herrscht allerdings vor so viel Optimismus Skepsis.

Sie taucht auch auf, wenn von Klöckner-Aktien die Rede ist. Es gibt zwar mutige Anleger, die meinen, wenn alle Stahl-Aktien haussieren, darf auch Klöckner nicht fehlen. Aber vorläufig ist dieser Kreis noch klein. Denn immer wieder ist im Zusammenhang mit Klöckner von ungelösten Finanzproblemen die Rede. Die Banken hüllen sich dazu in Schweigen.

Noch nicht wieder „entdeckt“ sind die Aktien der Versorgungsunternehmen. Dafür werden zwei Ursachen genannt. Einmal der unplanmäßig hohe Zins, der den Unternehmen nicht die gewünschte Kostenentlastung bringt, zum anderen die immensen Beträge, die künftig von den Stromerzeugern für den Umweltschutz ausgegeben werden müssen und von denen noch nicht feststeht, ob sie im vollen Umfang auf die Stromverbraucher abgewälzt werden können. In der Billigung von Strompreiserhöhungen tun sich die politischen Instanzen bekanntlich schwerer als bei Diätenanhebungen.