Den Europäern, die den Watergate-Schock aus sicherer Distanz erlebten, fällt es zunehmend leichter, Richard Nixons Amtszeit ohne moralische Abscheu zu beurteilen. Weil seine Außenpolitik inzwischen gar zu einem Objekt europäischer Nostalgie geworden ist, verdient der erste deutsche Versuch besondere Aufmerksamkeit, das weltpolitische Wirken des 37. US-Präsidenten gründlicher zu untersuchen:

Christian Hacke: „Die Ära Nixon-Kissinger Konservative Reform der Weltpolitik“; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1983; 319 S., 64,– DM.

Mit dem Untertitel seines Buches deutet der Hamburger Politologe die Tragweite des Bemühens an, dem sich Nixon, unterstützt von seinem brillanten Politik-Architekten Kissinger, verschrieben hatte. Die „konservative Reform der Weltpolitik“ manifestiert sich nach Ansicht des Autors vor allem in Nixons Wunsch, den Spielraum der amerikanischen Außenpolitik zu vergrößern, ohne damit gleichzeitig ihre Risiken zu erhöhen. Da das weitgehend ohne ideologische Überhöhung und ohne Missionsanspruch geschah, drängt sich automatisch ein Vergleich zur Weltpolitik der nachfolgenden Administrationen auf.

Die Erfolge der „klassischen Machtbalancepolitik“ der Nixon-Ära wecken in der Tat sehnsuchtsschwere Erinnerungen an jene Jahre, in denen die Entspannung greifbar zu sein schien und in denen sich Optionen für weitreichende Verbesserungen im Ost-West-Verhältnis abzeichneten. Ein Symptom neuer außenpolitischer Reife (aber auch der ernüchternden Wirkung der Vietnam-Katastrophe) war Nixons Guarn-Doktrin; sie verkündete Amerikas Rückzug hinter den (pazifischen) Horizont und das Ende seiner Rolle als Weltpolizist.

Auch Hacke vermag nicht zu deuten, wie ernst die Doktrin gemeint war und welche Resonanz sie bei Amerikas Gegenspielern hatte. Jedenfalls gelang es Nixon, seinem vorrangigen Ziel, einer Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen näherzukommen, obwohl (oder weil?) er Verständigungswillen mit Demonstrationen der Stärke paarte. Das geschah beispielsweise, als er am Vorabend seines historischen Moskau-Besuches 1972 den Luftkrieg über Nordvietnam eskalieren und ein halbes Dutzend nordvietnamesischer Häfen verminen ließ. Wenn seine Dreiecks-Strategie, die Herstellung entspannter Beziehungen zu China und der Sowjetunion, dennoch keinen Schaden erlitt, so ist das aus heutiger Sicht, da amerikanische Härte in Moskau westpolnischen Granit produziert, besonders erstaunlich. Auch der Autor gibt dafür keine befriedigende Erklärung, da er die Motive der chinesischen und sowjetischen Politik, des Widerlagers der Nixon-Pläne, notgedrungen, weitgehend unberücksichtigt läßt.

Nixons Nüchternheit und seine Verläßlichkeit als außenpolitischer Partner allein erklären jedenfalls Pekings und Moskaus Eingehen auf die amerikanischen Annäherungsversuche nicht. Mindestens ebenso schlug zu Buche, daß der Präsident seinen Kontrahenten besondere Morgengaben zu offerieren hatte: China den Wiedereintritt in die Weltpolitik und der Sowjetunion das Angebot zur sicherheitspolitischen Parität. Das waren Trümpfe, wie sie kein Nachfolger im Weißen Haus mehr ausspielen konnte. Ob Nixon sie genügend ausgereizt hat, ob mit ihnen keine belastbareren Bindungen zu Peking und Moskau erreichbar gewesen wären, als sich in der Zwischenzeit erwiesen hat, bleibt eine Frage, die auch Hacke unbeantwortet läßt.

So unbestritten Nixons Erfolge in der Ostpolitik waren, Amerikas Verhältnis zu den Verbündeten gestaltete sich in seiner Ägide längst nicht so problemlos, wie es in der heute verklärten Sicht erscheint. Der Autor nennt besonders drei Entwicklungen, die den Konsens zwischen Europa und Amerika erschwerten: den amerikanisch-sowjetischen Bilateralismus, der bei den Europäern die Sorge auslöste, die Supermächte könnten sich über ihren Kopf hinweg und auf ihre Kosten einigen; die Bonner Ostpolitik, weil sie „in einem umfassenden Sinne ... die Erosion des bündnispolitischen Führungsanspruchs der USA“ einleitete; und die Energiekrise, die Alleingänge nach dem Prinzip des Rette-sich-wer-kann provozierte, die die Solidarität der westlichen Bündnispartner untergruben.