ZEIT: Frau Minister, Sie haben kürzlich in 16 Thesen ein Konzept zur Hochschulpolitik für die neunziger Jahre veröffentlicht. Warum gerade zu diesem Zeitpunkt?

Dorothee Wilms: Ich denke, daß wir jetzt zwei Probleme angehen sollten. Erstens: Wie werden wir mit der Überlast an unseren Hochschulen fertig? Wir wollen der jetzigen Abiturientengeneration auch die Chance geben, zu studieren. Wir wollen also die Hochschulen offenhalten. Zum zweiten: Wir müssen heute schon die Weichen für morgen stellen, denn wir sehen, daß auch Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre der Anteil der Studenten hoch bleiben wird.

ZEIT: Will der Bund damit signalisieren, daß er zumindest im Hochschulbereich seine Kompetenzen ausschöpfen will, nachdem er vieles an die Länder zurückgegeben hat – etwa den Schulbereich und die Ausbildungsförderung?

Wilms: Ich bin der Auffassung, daß die Hochschulpolitik vom Bund mitgestaltet werden muß. Der Bund hat hier die Aufgabe, Eckdaten zu setzen, innerhalb derer die Länder dann ihre konkrete Hochschulpolitik verfolgen.

ZEIT: Kommen wir zu den Thesen: Sie haben sich für eine stärkere Profilierung der Hochschulen ausgesprochen. Soll die deutsche Hochschullandschaft etwa der der USA oder Frankreichs angeglichen werden – mit Elitehochschulen und akademischen Massenbildungsstätten?

Wilms: Nein. Es entspricht der deutschen Hochschultradition, daß wir in der Vielzahl von Hochschulen und Fachbereichen immer einige hatten, die sich in Forschung und Lehre besonders hervorgetan haben. Einige Hochschulen hatten einen besonders guten Klang, in anderen war es ein bestimmter Fachbereich mit einem besonders guten Ruf. In dieser Weise sollten wir wieder zu einer Hochschullandschaft kommen, die sich durch Schwerpunkte und eigenständige Profile auszeichnet. Das heißt nicht, daß ich hier Massenuniversitäten und dort Elitehochschulen habe. Vielmehr soll jede Hochschule die Chance erhalten, sich in Gänze oder in bestimmten Bereichen zu profilieren.

ZEIT: Nun sprachen Sie eben von der Hochschultradition, und Tradition ist seit Humboldt, daß die Einheit von Forschung und Lehre gewahrt wird. In Ihren Thesen aber sagen Sie, man solle das nicht zu eng sehen. Könnten daraus nicht am Ende zwei Kategorien von Hochschullehrern entstehen, solche, die nur lehren, und solche, die nur forschen?