Von Matthias Naß

Für die Friedensbewegung war das Jahr ihrer spektakulärsten Erfolge zugleich das Jahr ihrer ersten großen politischen Niederlage. Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik hatte ein Thema derart viele Menschen mobilisiert wie die Aufstellung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen auf westdeutschem Boden. Rund drei Millionen Bundesbürger beteiligten sich an der „Aktionswoche“ der Friedensbewegung vom 15. bis 22. Oktober. Auf „Volksversammlungen für den Frieden“ in Bonn und Hamburg skandierten Hunderttausende ihr Nein zu Pershing 2 und Cruise Missiles. Aber am Ende schien aller Protest vergeblich gewesen zu sein.

Schon vor einem Jahr hatten voreilige Beobachter das baldige Ende der Friedensbewegung vorausgesagt. Nach den ersten großen Demonstrationen im Oktober 1981 und im Juni 1982 schien sich Ratlosigkeit auszubreiten, wie es weitergehen sollte. Viele Aktivisten waren die „Latschdemos“ leid, versprachen sich nichts mehr von Unterschriftensammlungen und Großkundgebungen. Autonome Friedensinitiativen, kleine aber lautstarke Gruppierungen innerhalb der Bewegung, drängte es zu direkter Aktion vor Ort.

Doch die bevorstehende Raketenstationierung einte noch einmal Pazifisten, Christen, Kommunisten, Grüne und Sozialdemokraten. Der „Minimalkonsens“, das Nein zur Nachrüstung, hielt ein weiteres Jahr.

Den Auftakt der neuen Protestserie bildete der Evangelische Kirchentag in Hannover (Motto: „Umkehr zum Leben“); das lila Friedenstuch um den Hals geschlungen erteilten zehntausende junger Protestanten dem Raketenwahn eine Absage. Das Echo war beeindruckend. So friedlich-heiter wie in Hannover allerdings, lautete die allgemeine Einschätzung, wurde es nicht weitergehen. Nachrüstungsgegner und -befürworter stellten sich auf einen heißen Herbst ein. Daß dieser ausblieb, ist der gleichermaßen von Friedensbewegung und Polizei gleichermaßen zu danken. Krawall gab es nur am Rande.

Von größerer politischer Tragweite als der Massenprotest war jedoch der dramatische Schwenk der SPD in der Sicherheitspolitik. Willy Brandt hatte mit seiner Rede am 22. Oktober auf der Bonner Hofgartenwiese den Weg gewiesen. Sein „Nein zu immer neuen Atomraketen“ formulierte er mit sicherem Gespür für die gewandelte Stimmung im Land. „Wir stehen hier für die Mehrheit unseres Volkes“, lautete sein selbstbewußtes Fazit.

In der Tat deuteten Meinungsumfragen auf eine wachsende Skepsis in der Bevölkerung hin. Immer weniger Menschen erschien es plausibel, daß Abrüstung nur auf dem Umweg einer weiteren Umdrehung der Rüstungsspirale zu erreichen sein sollte. An den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag änderte dies freilich nichts: Mit 286 gegen 225 Stimmen bekräftigte das Parlament am 22. November den Nato-Doppelbeschluß. Noch in derselben Woche begann die Stationierung.