Von Y. Michal Bodemann

Seit vielen Jahren liegt der Holocaust wie ein Alptraum auf dem Bewußtsein zweier Völker, Israelis und Deutsche, und beeinflußt deutlich die Politik ihrer Staaten. In Israel, vor allem unter Begin, legitimiert der Horror von Auschwitz zunehmend jede wahnwitzige Politik und noch so schändliche Barbarei, und in der Bundesrepublik erweist sich die jüdische Komponente deutlich als ein Grundpfeiler der politischen Legitimation des Staates selbst. Darüber hinaus gibt es jedoch bereits vor Beginn der eigentlichen Massenvernichtung einen weniger beachteten, unerbittlichen sozialen Bruch im Verhältnis von Juden und Deutschen – ein Bruch, der tief an alle persönliche Beziehungen, Freundschaften und Antipathien rührt, gerade auch mit linken Deutschen, und selbst den herkömmlichen Antisemitismus stark verformt. Wie es dazu gekommen ist, versuche ich im folgenden zu skizzieren.

Laut Volkszählung vom Juni 1933 befanden sich knapp 500 000 Juden auf dem Territorium des Deutschen Reichs, im Gegensatz zu zirka 600 000 in der Vorkriegszeit. Die Abnahme erklärt sich aus der relativ niedrigen jüdischen Geburtenrate und den Auswanderungswellen nach Nord- und später Südamerika, wobei Deutschland auch Zwischenstation vieler auswanderungsorientierter Ostjuden geworden war. Doch auch 1933 waren von den 500 000 Juden zirka 100 000 ausländische Juden, woraus sich schließen läßt, daß sich von diesen schätzungsweise siebzig- bis achtzigtausend kulturell als „nichtassimiliert“ und „traditionell“ von der einheimischen jüdischen Bevölkerung abhoben; die Übergänge waren dabei natürlich fließend.

Gerade zu dem Zeitpunkt also, da die alteingesessenen Juden in der deutschen Gesellschaft unsichtbarer wurden und sich in der Bourgeoisie und vor allem den oberen Mittelschichten zu integrieren suchten, nahmen die reaktionären und faschistischen Elemente den Zustrom der Ostjuden zu Hilfe, um die antisemitische Hetze weiter zu schüren.

Dem deutsch-jüdischen Establishment war die Sichtbarkeit der Ostjuden deshalb höchst unwillkommen, und es versuchte, mittels Schulen und Sozialarbeit bis hin zur Rehabilitierung der hohen Anzahl jüdischer Prostituierter, die Ostjuden in ziemlich patronisierender Weise an die deutsche Gesellschaft kulturell zu assimilieren; solche philanthropisch-progressiven Tendenzen ähneln durchaus den entsprechenden Bemühungen heute, ausländische Arbeiter in die deutsche Gesellschaft gesichtslos zu integrieren.

Dieser in den Jahren der Weimarer Republik revitalisierte und popularisierte Antisemitismus drängte deutsche Juden also einerseits in ein höchst ambivalentes Verhältnis zur ostjüdischen Bevölkerung, andererseits postulierte er ideologisch den sozialen Bruch zwischen Deutschen und Juden, der dann später zur Ausführung kam.

Ein Bruch freilich setzt voraus, daß es Verbindendes gab, und tatsächlich waren Juden und Deutsche vor 1933 auf das engste organisch miteinander verknüpft. Dies drückte sich vor allem dadurch aus, daß Juden in scheinbar unauflösliche alltägliche Kontakte mit Deutschen getreten waren und sich in wirtschaftliche wie institutionelle gesellschaftliche Bereiche voll eingefügt hatten. Von Nachbarschaftlichkeit ganz abgesehen war der Kontakt zu Juden zunächst besonders hoch in freien akademischen Berufen wie Anwälte und Notare oder Ärzte, in denen der Anteil der Juden an der Berufsgruppe insgesamt 16 Prozent respektive 10 Prozent betrug.