Von Christoph Bertram

Nur einmal, im Sommer 1983, schien der verhangene Himmel des Ost-West-Verhältnisses aufzureißen. Die gegenseitigen Beschuldigungen der Supermächte klangen verhaltener, die beiden Länder streckten vorsichtig Fühler aus. Ein Gipfeltreffen zwischen Reagan und Andropow schien sich anzubahnen, zumindest aber klärende Gespräche zwischen ihren Außenministern.

Doch die zaghaft geknüpften Fäden wurden jäh zerrissen, ab am 1. September sowjetische Abfangjäger über Sachalin ein koreanisches Zivilflugzeug mit 269 Menschen abschössen. Die verheerende Überreaktion der sowjetischen Luftabwehr wurde im Westen zu kaltblütigem Mord aufgebauscht, im Osten als gerechtfertigte Abwehrmaßnahme gegenüber feindlichen Spionen dargestellt. Obwohl Präsident Reagan sogleich seine Bereitschaft erklärte, weiter mit der Sowjetunion im Dialog zu bleiben, war die Chance vertan: Die Sowjetunion igelte sich angesichts der internationalen Entrüstung ein.

Seitdem ist die Kluft zwischen den Weltmächten wieder so breit wie zu Anfang des Jahres. Auch die Bemühungen europäischer Regierungen in Ost und West, das Gesprächsnetz der Großen neu zu knüpfen, blieben fruchtlos. Für Ronald Reagan ist die Sowjetunion bestimmt von den aggressiven Impulsen eines Reichs des Bösen“, mit dem man allenfalls aus einer Position eindeutiger militärischer Stärke verhandeln kann. Für Juni Andropow ist der „militante Charakter der USA-Politik“ ausgemacht: „Wenn jemand bisher noch Illusionen hinsichtlich einer möglichen Evolution der Politik der gegenwärtigen amerikanischen Regierung zum besseren gehegt hatte, so wurden diese durch die jüngsten Ereignisse endgültig zerstört“, hieß es Ende September in einer „Erklärung des Generalsekretärs des ZK der KPdSU“, Die Hoffnung, mit Ronald Reagan ins Geschäft zu kommen, hat die sowjetische Führung vorerst aufgegeben. Statt dessen hat sie im letzten Monat des Jahres ihre Delegationen aus sämtlichen laufenden Abrüstungsverhandlungen ohne neue Terminvereinbarung zurückgezogen.

Dabei hatte es 1983 an diplomatischer Emsigkeit gewiß nicht gefehlt. In Genf verhandelten Russen und Amerikaner über die Begrenzung von Mittelstreckenwaffen und Interkontinentalraketen; in Wien rangen Vertreter der Nato und des Warschauer Paktes um Truppenverminderungen in Europa; in Madrid sprachen Ost, West und Bundnisfreie über die europäische Sicherheit. Die KSZE vereinbarte eine neue Konferenz, die im Januar in Stockholm beginnen soll.

Beide Seiten wurden nicht müde, im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit anzukündigen, was in die Verschwiegenheit von Verhandlungszimmern gehört hätte: Konzessionen – wirkliche der vermeintliche – für die Genfer Gespräche, „Prager Appelle“ und „Brüsseler Erklärungen“. An der Lautstärke der Bekundungen und der Emsigkeit der Diplomaten gemessen, hätte 1983 das Jahr der Entspannung sein müssen.

Aber wer komplizierte Verhandlungen vor offenen Fenstern führt, der will in der Regel die Öffentlichkeit und nicht den Verhandlungspartner beeindrucken. Dazu hat die beiden Großen vor allem der Widerstand gegen die Nachrüstung in Europa, besonders in der Bundesrepublik, herausgefordert. Denn ernsthafte Verhandlungen, das war beiden Seiten immer klar, gäbe es nur, wenn die Nato-Mitglieder zu ihrer Entscheidung stünden.