Die Gespräche, die seit dem vergangenen Winter zwischen dem größten Hersteller der Welt für Fernmeldesysteme, American Telephone & Telegraph (ATT), und dem größten europäischen Hersteller für Büroinformatik, Olivetti, geführt wurden, ließen die Beobachter rätseln: Ging es um technische Zusammenarbeit? Oder um Vertriebsabsprachen zwischen den Amerikanern und der italienischen Multinationalen? Das Ergebnis hat alle Übermacht: Olivetti-Präsidem Carlo De Benedetti – zugleich größter Aktionär des Konzerns – verkauft seine Gruppe an die ATT, freilich unter Vorbehalt und auf Gruppe

Der erste Schritt: Zwischen März und April 1984 erwirbt ATT durch eine Kapitalerhöhung ein Viertel des Aktienkapitals bei Olivetti. Der zweite Schritt: In vier Jahren kann ATT eine Option auf das Aktienpaket von fünfzehn Prozent ausüben, das Carlo De Benedetti besitzt. Damit steigt der ATT-Besitz auf vierzig Prozent.

Da der Rest des Kapitals überwiegend breit gestreut ist, hätten die Amerikaner damit spätestens von 1988 an das Sagen bei Olivetti. Carlo De Benedetti hat sich allerdings dessen ungeachtet einen Zehnjahresvertrag als Präsident des Unternehmens ausbedungen. Der Vertrag ist so abgefaßt, daß der italienische Chef keinen Amerikaner in die Verwaltung aufnehmen muß, es sei denn, er legt von sich aus Wert darauf. Diese Klausel zeigt, welche Bedeutung für den viertgrößten Konzern der USA die Mitarbeit des italienischen Managers hat und welches außerordentliche Vertrauen er in ihn setzt. Noch nie hat außerdem eine amerikanische Gruppe für den Erwerb einer Minderheitsbeteiligung im Ausland so viel Geld investiert, nämlich umgerechnet 730 Millionen Mark für die erste Tranche von 100 Millionen Olivetti-Aktien.

Wenn alles läuft wie geplant, wird der ersten Rate bald die entscheidende zweite folgen. Und auch wenn ATT vor dem Ablauf von vier Jahren keinesfalls mehr als fünfundzwanzig Prozent und vor dem Ablauf von neun fahren nicht mehr als vierzig Prozent der stimmberechtigten Olivetti-Aktien besitzen darf, so handelt es sich doch um nicht mehr als eine sehr ehrenvolle Bedingung dafür, daß sich die Manager der europäischen Festung Olivetti den Amerikanern ergeben.

Dabei gab es keinen unmittelbaren finanziellen Zwang für diesen Schritt Im Gegenteil: De Benedem hatte vor fünf Jahren sein gesamtes Vermögen von damals wohl siebzig Millionen Mark und seine Reputation ab Unternehmer aufs Spiel gesetzt und den am Rande des Zusammenbruchs stehenden Olivetti-Konzern übernommen. Inzwischen sind die Schulden abgebaut, die Verluste beseitigt, die Produkte dank intensiver Entwicklungsarbeit modernisiert und die Fabriken rationalisiert worden. Im gleichen Augenblick, in dem Carlo De Benedetti den Vertrag mit ATT ankündigte, gab er auch die Steigerung des Konzernumsatzes um ein Fünftel auf sechseinhalb Milliarden Mark und des Gewinns um ein Drittel auf 340 Millionen Mark bekannt. Das sind für europäische Verhältnisse hohe Zahlen.

Vergleicht man aber mit den amerikanischen Daten, dann genügt es zu wissen, daß die ATT-Gruppe im Jahr ebensoviel Gewinn macht wie der Olivetti-Konzern Umsatz. Die Jahresausgaben für Forschung und Entwicklung bei den Bell Laboratories, dem Gehirn der ATT-Gruppe, zu dem Olivetti künftig freien Zugang hat, erreichen über sechs Milliarden Mark. Und der US-Konzern wäre wohl noch gewaltiger, wenn er nicht im Zuge der Reaganschen Deregulationspolitik sein Privatmonopol im US-Fernmeldewesen hätte aufgeben und entflechten müssen. Gerade dieser unter Zwang erfolgte Schritt aber bat die Finanzmittel und Energien der Muttergesellschaft ATT für neue Initiativen freigemacht.

Die Stoßrichtung war sofort klar: ATT, bisher mit dreiundzwanzig Prozent am Weltmarkt für Fernmeldetechnik beteiligt, marschiert jetzt auf das verwandte Feld der Informatik und Datenverarbeitung. Auch auf diesem Gebiet hält sich ein Marktführer mit respektvollem Abstand die Weltkonkurrenz vom Leibe, nämlich IBM. Was die Amerikaner deshalb planen, sprach Carlo De Benedetti unverblümt aus: „IBM ist unser Feind Nr. 1.“ Damit wird klar; Olivetti, auf dem achten Platz am Weltmarkt für Büroinformatik und Datentechnik, wird ab größter europäischer Hersteller die Speerspitze von ATT in der Alten Welt. Die neue Gruppe ATT-OIivetti, wird eng auf allen Gebieten von Forschung und Entwicklung, Produktion und Vermarktung bis hin zur Finanzierung zusammenarbeiten; ATT-Produkte werden über das Olivetti-Vertriebsnetz in den europäischen Markt eindringen und den Fernmelde-Konkurrenten Siemens, ITT, Ericsson und Thomson das Leben schwerer machen. Gleichzeitig kann ATT mit Olivetti in den USA und weltweit im Bereich der Informatik gegen IBM, Digital Equipment, Sperry Rand, Control Data und Honeywell antreten. Allein hätte ATT niemals diese Möglichkeiten gehabt, gegen IBM, die Japaner, französische und deutsche Konkurrenten gleichzeitig loszuschlagen. Umgekehrt hätte Olivetti bei der atemberaubenden Entwicklung des Informatikmarktes die Mittel für den Wettbewerb mit IBM allein nicht aufbringen können.