Vor Jahren noch war sie ein pädagogischer Wallfahrtsort, heute ist sie vom Aussterben bedroht: die Ernst-Reuter-Schule I, kurz ERS I genannt, in der Nordweststadt Frankfurts. In diese integrierte Gesamtschule drängten viele engagierte Pädagogen, weil sie die Chance sahen, an dieser Stelle Chancengleichheit für Kinder aller Schichten zu bewirken.

Die Schule hatte von Anfang an nicht nur mit den Vorurteilen der traditionellen Gesamtschulgegner zu kämpfen, sondern auch mit der problematischen Lage, in die hinein sie gestellt war: Soziale Spannungen der Trabantenstadt im Norden Frankfurts spiegelten sich in der Schule auf eklatante Weise wider. Dennoch kann die Schule auf höchst erfreuliche Abiturientenzahlen verweisen. Und dies, obwohl andere Frankfurter Gymnasien ihre angeblichen Schulversager an die ERS I abschoben, wo sie dennoch weiterkamen.

Die ERS wurde 1972 geteilt, eine Ernst-Reuter-Schule II nahm ihre Arbeit auf und führt sie bis heute erfolgreich weiter. Fraktionierungen innerhalb des Kollegiums, groß aufgemachte Berichte in der regionalen Presse über Zerstörungen in der Schule bewirkten freilich bei vielen Eltern eine Ablehnung der Schule. In den drastisch sinkenden Schülerzahlen findet diese Ablehnung ihren sichtbaren Ausdruck und ist der Grund dafür, daß nun erörtert wird, die Schule nur noch als ein Oberstufenzentrum weiterzuführen, das sich beruflicher Bildung öffnen soll.

Der Schülerrückgang ist ein verbreitetes Phänomen, an der ERS I wirkt er sich gravierender aus, weil Eltern die unmittelbar daneben liegende ERS II bevorzugen. Hinzu kommt aber, daß die in Frankfurt mittlerweile regierende CDU zum ersten Mal die Chance sieht, diesen Dorn in ihrem Auge zu beseitigen. Aus dem hessischen Kultusministerium ist zu hören, daß zwar noch keine Anträge des Schulträgers für eine Auflösung der ERS I vorliegen, daß man aber dem neuen Oberstufenmodell zustimmen könne.

Der Vorwurf wird erhoben, der Schule fehle ein pädagogisches Konzept und das in Fraktionen gespaltete Kollegium sei dazu auch nicht in der Lage gewesen. Pressesprecher Ochs vom hessischen Kultusministerium sieht all das sehr gelassen: Die Teilung der Schule sei 1972 wegen zu großer Schülerzahlen erfolgt, bei einem Rückgang der Schülerzahlen soll sie wieder aufgehoben werden. Natürlich fehlt in der Diskussion nicht der süffisante Hinweis, daß auch im SPD-Unterbezirk Frankfurt die Einstellung zur ERS I gespalten sei. Der „elternbund frankfurt“ will die Schließung der ERS I verhindern. Die dort engagierten Eltern sehen zwar auch, daß für einige Zeit mit niedrigeren Klassenfrequenzen an der ERS I zu rechnen sei, dies wäre jedoch ein zu begrüßender Effekt – denn: „Endlich würden nämlich dann Klassenstärken erreicht“, die pädagogischen Forderungen entsprächen.

Das lange Sterben des einst hochgelobten Reformmodells muß engagierte Bildungspolitiker ins Mark treffen. War hier doch ein Ansatz, innerhalb des Regelschulsystems zu pädagogischen Veränderungen zu kommen, die sonst immer nur in den freien und privaten Schulen entdeckt und gelobt werden. Eine engagierte Lehrerschaft wird im Stich gelassen und: Die drohende Schließung des sicher nicht problemfreien Reformmodells hat Symbolcharakter für die bildungspolitische Wende dieser Republik. Ernst Vitus