Karl Man wurde in eine Zeit und ein Milieu geboren, da noch das Ideal des uomo universale bestand, dem nahezukommen, Ziel bloß bildungsbürgerlichen Strebens war. Sein als nahezu unersättlicher Wissenshunger, beschreibbar bloß mit Brechts Worten von der Erkenntnis als sinnlichem Genuß, schloß Bezirke des Ästhetischen ein. Kunst war da nicht hübscher Zeitvertreib oder Nervenkitzel, sondern die neben der Wissenschaft andere Methode zum Erfassen der Welt. Hierin wirkt natürlich der Lehrer Hegel nach.

Wir sagten Kunst. Genau besehen hat sich Mars um die bildende Kunst nicht viel gekümmert, er kam mit Winckelmanns Vorhaben aus, and für Musik besaß er überhaupt keinen Nerv. Das Ästhetische war für ihn identisch mir dem Literarischen, er war ein Lesefanatiker und Büchernarr, auch beim Umgang mit der Belletristik. Der Philosoph, dem das wichtigste Korrektiv aller Theorie die Praxis war, erschloß sich seine Welt und sein Weltbild in den Lesesälen der Pariser Nationalbibliothek und der British Library.

Marx’ literarische Bildung war profund. Zu einer Ästhetik oder Poetik hat er gleichwohl nie gestrebt; das Wertgesetz war ihm wichtiger; Poesie war da, um Bildungszitat, Metapher und plastisches Beispiel zu liefern, nicht mehr.

Zusammen mit den einschlägigen Äußerungen des Dioskuren Engels sind schon verschiedentlich Marxens Statements zur Ästhetik aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen extrapoliert und zusammengetragen worden. Dies geschah zum Beispiel durch einen sowjetischen Autor, Michail Lifschitz. Später hat der Leipziger Reclam-Verlag noch Entsprechendes von Lenin hinzugefügt und es alles zwischen zwei Buchdeckel getan. In keinem Falle war das geeignet, ein ästhetisches System zu ergeben, was aber nicht verhindert hat, daß man es für ein solches nahm, geheißen sozialistischer Realismus. Solange das bei den abstrakten Deduktionen blieb, etwa in Lukács’ schöner Arbeit über Marx und Engels als Literaturtheoretiker, war alles in Ordnung. Unter dem Kunstrichter Shdanow aber wurde eine normative Ästhetik daraus, mit zum Teil verheerenden Folgen.

Über Marx und sein Verhältnis zur schönen Literatur – es geht ausschließlich um Marx, es geht ausschließlich um Belletristik – gibt es seit längerem in England und nun auch auf deutsch ein Buch, welches man beruhigt ein Standard-Werk heißen darf, ein unersetzbares und schon gar nicht überbietbares:

Siegbert S. Prawer: „Karl Marx und die Weltliteratur“; aus dem Englischen von Christian Spiel; Verlag C. H. Beck, Müschen, 1983; 405 S.; 48,– DM.

Dies ist das Resultat einer positivistischen Ausführlichkeit, Geduld, Sorgfalt und Unerschrockenheit, wie man sie derzeit wohl bloß im Angelsächsischen aufzubringen in der Lage ist. Völlig zu Recht erhielt das Buch in seinem Entstehungsland eine Auszeichnung. Es wurde alles zusammengetragen und kommentiert, womit Karl Marx jemals poetisch hantiert hat; es werden also die Lektüren, die Zitate, die Urteile, die Zusammenhänge benannt und bewertet.