Von Barbara van Ow

Niederaichbach

In der menschenleeren Halle ist es gespenstisch still, nur unsere Schritte hallen in der hohen Stahlkuppel. Die schweren Maschinen wirken wie Denkmäler. Auf den Armaturen zeigen alle Schaltuhren auf Null. Das „Herz“ des Atomreaktors Niederaichbach schlägt längst nicht mehr. Vor fast zehn Jahren wurde der Atommeiler nordöstlich von Landshut stillgelegt, nachdem er sich ab technischer Flop erwies. Jetzt soll er als erster Leistungsreaktor der Welt vollständig abgerissen werden. Wenn die bayerischen Behörden mitspielen, wird nächstes Jahr mit den Arbeiten begonnen. Vor 1990 sollen dann am westlichen Ufer der Isar wieder Grashalme sprießen. In- und ausländische Experten verfolgen das Experiment gespannt: Niederaichbach soll zum Modell für die Beseitigung ausgedienter Kernkraftwerke werden.

Der späte Ruhm des einstigen Pleite-Projekts entschädigt den Bauherrn, das Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK), für einigen Ärger, den es mit dem strahlenden Wrack gehabt hat Von Siemens zwischen 1966 und 1972 für 230 Millionen Mark gebaut, produzierte der Schwerwasser-Druckröhren-Reaktor nur 40 Prozent seiner Soll-Leistung von 100 Megawatt; die zwei riesigen Wärmeaustauscher schlugen ständig leck. Der Auftraggeber, eine Tochter der Bayernwerke, zog sich bald aus dem Geschäft zurück. Nach nur 18 Vollasttagen wurde im Juli 1974 beschlossen, die Anlage abzuschalten.

Heute sind Kernbrennstoff, schweres Wasser, Schaltwarte und Turbinen beseitigt; der radioaktive Innenbereich dämmert jetzt im „gesicherten Einschluß“. Außer Feuermeldern und Lufttrocknungsanlage ist nichts mehr in Betrieb. So liegt die Reaktorruine seit Jahren ohne Wartung, sich selbst überlassen. „Hier können Sie eine Granate reinwerfen, und es passiert nichts“, erklärt Axel Ridtahler, KfK-Ingenieur und Spezialist für das Niederaichbach-Projekt, während wir durch eine schwere Druckkammerschleuse in den inneren Kontrollbereich kriechen. „Das ist doch längst kein intakter Reaktor mehr.“ Trotzdem werden Besucher mit Schutzkitteln, Handschuhen und einem kleinen Dosimeter für die Strahlungsmessung versehen. Außerdem müssen sie ein Formular unterschreiben, in dem das Rauchen, Essen und Trinken sowie der Zutritt von „Besuchern mit offenen Wunden, Schwangeren und stillenden Müttern“ im Kontrollbereich untersagt wird.

Wir erreichen die obere Plattform des Reaktors. Unter uns der wuchtige Deckel zum „heißen“ Herzen der Anlage, wo beim Abbruch der kritische Müll entstehen wird – insgesamt rund 1000 Tonnen. Die 351 radioaktiven Druckrohre, die einmal mit Brennstäben gefüllt waren, machen etwa die Hälfte aus, der aktivierte Beton aus der bis zu zwei Meter dicken Schutzhülle die anderen 500 Tonnen. Dieses verseuchte Material soll zerkleinert und in Sicherheitsfässern endgelagert werden. Problematisch sind darüber hinaus 1700 Tonnen kontaminierter – also lediglich oberflächlich verschmutzter – Stahlrohre. Sie sollen eingeschmolzen und wiederverwendet werden. Der Rest ist ganz normaler Bauschutt für den Bagger.

Das technische Konzept für die einzelnen Abrißphasen steht seit Jahren, nur die behördliche Genehmigung fehlt noch. Die „heißen“ Druckrohre will man mit einem gewaltigen, eigens konstruierten Drehmanipulator aus dem Reaktorkern schneiden. In der Deckelöffnung aufgehängt, soll er von einer hermetisch abgeschirmten Arbeitszelle mit Hilfe von Kameras ferngesteuert werden. In einem Zerleghaus sollen die Teile dann mit einer hydraulischen Schere zersägt und zusammen mit dem aktivierten Beton, den man mit genau dosierten Sprengladungen ablösen will, kleingepreßt und in 4500 Rollreifenfässern versiegelt werden. Diese sollen in dem geplanten Endlager für schwach- und mittelradioaktive Stoffe, der ehemaligen Eisenerzgrube „Konrad“ bei Salzgitter, gewissermaßen zur „ewigen Ruhe“ gelegt werden. Die Grube aber wird frühestens 1988 zur Verfügung stehen. Grund für Bayern, das keinen Atommüll auf seinem freistaatlichen Gebiet will, ein Zwischenlager in Karlsruhe zur Bedingung für seine Genehmigung zu erheben.