Von Michael Sontheimer

Nach dem Verlust des „Glaubens an Gott, nach dem Verlust des Glaubens an Staat und Partei...“ Der Festredner, der im weißen Hemd und dunkelblauer Fliege in Frankfurts alternativem Kulturtempel „Batschkapp“ auf die Bühne getreten ist, macht eine bedeutungsschwangere Pause. „Und nicht zuletzt nach dem Verlust des Glaubens an den Fortschritt..“ Erneute Pause. Er faßt mit beiden Händen unter seine breiten Hosenträger, neigt schelmisch den Kopf... „steht der Pflasterstrand nach wie vor im Visier der Geschichte. Pflasterstrand heute heißt also immer noch, Avantgarde sein, ganz vorne, ganz anders, ganz neu sein. Der Pflasterstrand drückt uns den Stempel des Daseins in die Augen. Und das seit genau sieben Jahren.“

Das an die 500 Köpfe zählende Publikum des „Galaabends“, das sich zuvor am kalten Büffet befriedigt hat, zeigt sich erheitert. In diesen Frankfurter Kreisen, die im Laufe des letzten Jahrzehnts unter der Artbezeichnung „Spontis“ eine gewisse Berühmtheit erlangt haben, werden drastische Worte ebenso goutiert wie die Bemühung des Redners um Selbststilisierung Der Pflasterstrand ist der publizistische Ausdruck und die Hauspostille der linksradikalen und alternativen Frankfurter Szene, wenngleich diese, nachdem die Alternativkultur nun schon in den Bundestag vorgedrungen ist, bereits wieder mit dieser Kultur gebrochen hat. Der Pflasterstrand ist eine Stadtzeitung für Frankfurt und Umgebung, gleichzeitig ein 14tägig erscheinendes politisches Magazin, das einsam aus dem ergrauenden alternativen Blätterwald ragt, schön und selten.

Oder wie es Matthias Horx sagt, der sieben Jahre lang als Redakteur die Hochs und Tiefe kollektiver Zeitungsproduktion durchstand: „Wir sind zu gut, um uns zu verkaufen, der Pflasterstrand ist ein am Markt vorbeiproduziertes Luxusprodukt, aber das hat uns schon immer mit einem gewissen Stolz erfüllt.“ Ein Stolz, der sich aus dem Adel der Armut nährt, wenn man nach dem Interieur der beiden großen Räume im ersten Stock der Hamburger Allee 45 geht, der Residenz des Pflasterstrands in Frankfurt-Bockenheim. Neben dem Eingang türmt sich Müll, der Teppichboden ist abgetreten, die Schreibtische und Stühle scheinen direkt vom Sperrmüll zu kommen. Die Atmosphäre aber ist gar nicht abgewrackt, vielmehr freundlich und familiär. Während Matthias Horx die Historie der Zeitung ausbreitet, umgibt uns gelassene Geschäftigkeit,

„Sicher haben wir uns, als die Zeitung im Dezember 76 gegründet wurde, als Forum der Diskussion für die zersplitterte Linke verstanden, aber der Gedanke der Vereinheitlichung und Vereinigung, der damals viele ähnliche Blätter beseelte, war uns von Anfang an fremd.“ Die Gruppe, die die Zeitung unbezahlt herstellte, hatte mit dem Konzept der Betroffenenberichterstattung allerorten aufblühender Alternativzeitungen – der unredigierten Artikulation politischer Aktivisten von der Basis und dem puren Abdruck unterdrückter Nachrichten – nicht besonders viel im Sinn. Bereits nach einem Jahr war dieses Konzept demokratischer Gegenöffentlichkeit gestorben. „Weil’s einfach stinklangweilig war, nur als Multiplikator rumzusitzen und den Rotz der Leute zusammenzukleben“, erklärt Matthias Horx. „Wir haben das Gefühl gehabt, daß die Themen, die die Bewegungen hervorgebracht haben, längst in die liberalen Medien vorgedrungen und damit auf dem Marsch in die Gesellschaft waren. Und da wir immer großen Wert auf die Aneignung und die Lust gelegt haben, waren wir schnell an dem Punkt, die Tabus der linken und alternativen Szene anzugreifen. Und das ist noch heute unser Image: ein Provokationsblatt gegen die Szene.“

Zunächst formulierten vermeintliche oder tatsächliche männliche Opfer der Frauenbewegung ihre Aggressionen gegen die tabuisierende Potenz des Feminismus. Ein Artikel über die Reize der Kaputtheit in der Sexualität, von dem nachhaltig nur in Erinnerung blieb, daß der Autor unter dem Pseudonym „Siegfried Knittel“ beschrieb, wie er einer schwangeren Freundin in den Bauch trat, geriet zum Skandal weit über Frankfurt hinaus. Gleichermaßen heftig tobte in den ersten Jahren die Auseinandersetzung um Theorie und Praxis des bewaffneten Kampfes. Die Dokumentation von RAF- oder Rote-Zellen-Erklärungen und deren hartnäckige Kritik, die Veröffentlichung der Briefe des Aussteigers aus dem Terrorismus, Hans-Joachim Klein, zogen sowohl justizielle und polizeiliche Repressionen als auch Molotowcocktails nach sich. Letztere warfen Freunde des bewaffneten Kampfes in die Redaktionsräume, die den Pflasterstrand denunzierten, im Auftrage des Staatsschutzes „Entsolidarisierung“ zu betreiben. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Paragraph 129 a (Werbung für eine terroristische Vereinigung), und die Pflasterstrand-Redaktion saß wieder einmal zwischen allen Stühlen – auf ihrem Lieblingsplatz.

Allerdings machte nicht nur die Lust an der Provokation, die Freude am wortreichen Streit und die Wertschätzung des Dissenses die Qualität der Zeitung aus, sondern ebenso ein paar Köpfe, die kontinuierlich den Diskurs belebten. Josefa Fischer zum Beispiel, zur Zeit grüner Abgeordneter in Bonn, Thomas Schmid, heute Vordenker der Grünen in Berlin, oder Matthias Beltz, der mit dem „Vorläufigen Frankfurter Fronttheater“ durch die Lande zieht. Auf der Jubiläumsfeier in der „Batschkapp“ erfreute er als Conferencier das Publikum mit Aperçus („Parmesan und Partisan, wo seid ihr geblieben? Partisan, o Parmesan, alles wird zerrieben“). Schließlich, als ungekrönter Berler der Redaktion und presserechtlich Verantwortlicher, Dany Cohn-Bendit, der nach wie vor, wenn er nicht, wie im Augenblick, in Brasilien weilt, regelmäßig in die Redaktion gestürmt kommt, alle von der Arbeit abhält und ein Feuerwerk von Ideen versprüht. Deren Umsetzung garantiert heutzutage „Emil Nichtsnutz“, alias Alben Sellner, der mehr im verborgenen Profil und Niveau des Pflasterstrands prägt.