Von Detlef Jens

Schnurgerade zieht sich die A 11 durch eine plattgeklopfte Landschaft, durch eine Ebene in Schwarz und Weiß, die konturlos ist bis auf die wenigen Bäume, deren kahles Geäst in der winterlichen Abenddämmerung hängt. Der Boden unter der dünnen Schneedecke ist hart gefroren – eine sibirische Tundra in Dänemark? Unter dem theatralischen Abendhimmel hat es fast diese Wirkung.

Wir befinden uns auf der Landstraße zwischen Ribe und Varde, gute zwei Autostunden nördlich von Hamburg, und an diesem Freitagabend im Winter herrscht hier kaum noch Verkehr. Ganz Dänemark sitzt vermutlich hinter den gemütlich bollernden Kaminöfen, die mittlerweile zu einem wichtigen Exportartikel geworden sind. Dann, kurz hinter Varde, kommt die Abzweigung nach Blåvand. Hier biegen wir ab auf eine dünne Straße, die geradewegs in die Einsamkeit zu führen scheint. Düstere Kiefernwälder und eine seltsam öde Heide wechseln sich ab; Details sind in der zunehmenden Dunkelheit kaum noch zu erkennen. Am westlichen Himmel, direkt voraus also, türmen sich Wolken übereinander. Bald müßte diese Straße hier zu Ende sein; ein paar Häuser noch, die das Dorf Blåvand ausmachen, und dann beginnt die Nordsee hinter einer schmalen Dünenkette. Wir fühlen uns, als seien wir unterwegs zum Ende der Welt.

An diesem Ende liegt allerdings auch der „Blåvand Kro“, ein alter, reetgedeckter Gasthof, der in dieser Umgebung noch gemütlicher wirkt als auf den Photos im Prospekt. Hier haben wir uns über das Wochenende eingemietet für zwei ruhige Tage an der jütländischen Westküste.

Zunächst tauchen im Kegel des Fernlichtes die ersten Dünen auf, darin schemenhafte Silhouetten verlassener Sommerhäuser. Und plötzlich sind wir in einer Geistersiedlung, wie vergessen stehen die kleinen Häuschen auf dem kargen Boden herum, mit vernagelten Holzplatten vor leblosen Fenstern, verlassen nach einem Goldrausch, der jährlich wiederkehrt. Die Digger, die hier im Frühjahr einfallen und die Siedlung im Herbst als bloße Kulisse hinterlassen, kommen meist aus der Bundesrepublik und sind allenfalls aus auf die letzten Bernstein-Nuggets. Immerhin trugen sie ihren Teil dazu bei, daß die dänische Tourismuswirtschaft seit zwei Jahren Rekordumsätze meldet und daß die unterentwickelte Westküste Jütlands neben der Fischerei einen zweiten, weitaus einträglicheren Erwerbszweig besitzt; allerdings ein Saisongeschäft.