Schon am Heiligen Abend verabschiedete sich die alternative tageszeitung für den Rest des Jahres von ihren Lesern. Dem nüchternen Hinweis auf der Titelseite, zwischen Weihnachten und Neujahr werde es keine taz geben, folgte ein fröhliches Motto: "Im neuen Jahr mit neuem Schwung!" Der muntere Spruch schien auf einen geruhsamen Weihnachtsurlaub der Redaktion hinzuweisen. Wollte man frische Energien für das heraufziehende Jahr des "Großen Bruders" sammeln?

Der Grund für die Produktionspause in Berlin war in Wirklichkeit ernst genug: Den alternativen Blattmachern droht finanziell die Luft auszugehen. Auf einem dreitägigen Krisenplenum suchten sie nach einem Ausweg aus der Finanzkrise.

Bei rund 35 000 verkauften Exemplaren und einer starken Leserfluktuation stand für 1984 ein monatliches Defizit von rund 150 000 Mark ins Haus. Die Ursachen für das Verlustgeschäft: eine im Verhältnis zur Auflage großzügige Personalpolitik, strenge politische Auswahlkriterien bei Anzeigen und die vor einigen Wochen eingeführte kostspielige Samstagsausgabe.

Angesichts der prekären Finanzlage beschloß das taz-Plenum, 20 von 138 festen Mitarbeitern zu entlassen. Gespart werden soll auch bei den Honoraren freier Mitarbeiter, bei den elf Regionalbüros, beim Druck und beim Vertrieb.

Fügte sich die weihnachtliche Vollversammlung ohne großen Widerstand in das von einem Krisenstab erarbeitete Sparprogramm, so standen sich bei der gleichzeitig geführten Diskussion über den künftigen Kurs und die innere Struktur des Blattes zwei Fraktionen unversöhnlich gegenüber.

Die "Realjournalisten" in der Redaktion möchten gern das Niveau der Zeitung verbessern: Nur so könne die Auflage gesteigert werden. Die von ihnen favorisierte Einsetzung einer Chefredaktion wurde jedoch von der Mehrheit abgelehnt. Die Gegner des "Chefmodells", die sich selbst "autonom" oder "links-radikal" nennen, meinen, journalistische Qualität und den ursprünglichen politischen Anspruch miteinander vereinbaren zu können. Sie setzten sich mit ihrem am Status quo orientierten "Basismodell" am Ende durch: keine Chefredaktion, aber immerhin klarer gegliederte Verantwortlichkeiten.

Finanziell scheint die taz fürs erste gerettet zu sein. Doch die Auseinandersetzung über die politische Linie geht weiter. "Die Voraussetzungen für Verbesserungen sind geschaffen worden", lautete ein Fazit. "Jetzt müssen wir nur noch zum Eigentlichen kommen."

Matthias Naß