Auch deutsche Kultusminister kommen sich bei Generalkonferenzen der Unesco oft so vor, als seien sie zur Teilnahme am Turmbau zu Babel aufgefordert. Auch bei uns gibt es in allen politischen Parteien Stimmen, die die bilaterale Bildungshilfe für nützlicher halten als die multilaterale, die glauben, zwischen Nationen zahle sich das Geschäft des Helfens besser aus als auf dem Umweg über eine internationale Großorganisation.

Wer in den Einzelheiten der Unesco-Arbeit seit vielen Jahren steht, weiß, wie falsch und gefährlich diese Reaktionen sind. In meiner Generation haben wir miterlebt, wie der Völkerbund durch die Kritiken von den verschiedensten Seiten – am meisten von Hitler und Goebbels – international langsam kaputtgemacht wurde. In unserer Zeit ist eine neue Bewegung gegen die Vereinten Nationen und gegen ihre Unterorganisation, die Unesco, im Gange; de Gaulle hat damit begonnen. Aber wenn jetzt die Vereinigten Staaten aus der Unesco austreten, dann ist das eine politische Entscheidung, deren katastrophale Folgen gar nicht zu überschätzen sind. Hier wird einer vorübergehenden Wahlkampfchance zuliebe – in der Bevölkerung sind diese internationalen Organisationen unpopulär – langfristige politische Vernunft geopfert.

Nur über multinationale Organisationen kann auf die Dauer das Nord-Süd-Problem einer Lösung zugeführt werden. Die internationale kulturelle Zusammenarbeit, so mühsam und erfolgsarm sie ist, hat Fäden geknüpft, die zu zerreißen ein Beweis erschütternder Unreife ist. Das Klagen über die großen Ausgaben ist lächerlich, wie einem der einfachste Vergleich mit den Rüstungsausgaben zeigen kann. Wie soll je ein Abrüstungsgespräch in der Welt gelingen, wenn in den kulturellen Beziehungen keine Voraussetzungen für gegenseitiges Verstehen geschaffen sind? Wie soll je der wirtschaftliche Ausgleich zwischen den armen und reichen Ländern Zustandekommen, wenn es nicht gelingt, die Alphabetisierungskampagne auf Weltebene zu einem Erfolg zu führen?

Natürlich ist an der Bürokratie der Unesco vieles auszusetzen, aber sollten wir vielleicht nicht dringender damit beginnen, unsere nationalen Bürokratien zu reformieren, aus denen wir nicht austreten können? Man muß die Fülle vielfaltiger intensiver Kleinarbeit, die im Zusammenhang der Unesco in der ganzen Welt geleistet wird, kennen: Dann bleibt von den realitätsfernen Beschuldigungen, mit denen die Vereinigten Staaten ihren Austritt begründen, wenig übrig. Den Vereinigten Staaten verdanken wir mehr als irgendeinem anderen Staat die Gründung der Vereinten Nationen; müssen wir ihnen jetzt auch die Demontage der die Welt trotz aller Unvollkommenheit verbindenden Einrichtungen verdanken? Klare Reformvorschläge für die Unesco könnten diskutiert werden, Austritt und Beschimpfungen verstärken lediglich die politische Krise der Welt.

Hellmut Becker