Von Andreas Kohlschütter

Der vierte Jahrestag der sowjetischen Invasion in Afghanistan stand im Zeichen verflüchtigter Hoffnungen auf eine baldige politische Konfliktlösung. Vom Ost-West-Frost ist auch die so ermutigend vorangekommene Afghanistan-Vermittlungsaktion des UN-Generalsekretärs Perez de Cuellar nicht verschont geblieben. Das läßt die jüngste Warnung des Sowietbotschafters Witalij Smirnow in Islamabad erkennen. Im Chor mit den Kabuler Machthabern drohte er, Afghanistan und die Sowjetunion würden die Unterstützung der afghanischen Widerstandskämpfer durch Pakistan nicht länger tatenlos hinnehmen.

Dies bedeutet noch lange nicht, daß jene recht behalten, die für 1984 einen sowjetischen Einmarsch in Pakistan prophezeien. Aber mit einer robusteren Gangart muß gerechnet werden: mehr Militärschläge gegen Rebellenstützpunkte auf pakistanischem Territorium.

Fest steht jedenfalls, daß das Hoch der Afghanistan-Diplomatie vom Frühsommer 1983 verflogen ist. Damals bemühte sich Moskau um die Verbreitung einer verhandlungsfreundlichen Atmosphäre. Jurij Andropow setzte bei seinem Amtsantritt auffallende Afghanistan-Akzente. Der sowjetische Parteichef unterstrich das schon zu Breschniews Zeiten in Ansätzen registrierte Entlastungsbedürfnis, den Wunsch, die wegen Afghanistan strapazierten internationalen Beziehungen zu reparieren.

Die Hoffnungen basierten auch auf der Existenz eines pakistanisch-afghanischen Verhandlungsforums und Verhandlungsgerüsts, in Form der „indirekten“ Genfer Außenministertreffen unter UN-Regie. In den Konferenzkulissen waren die Russen natürlich als stille Teilhaber und Einflüsterer mitbeteiligt. Sie hatten ihr widerspenstiges Babrak-Karmal-Regime buchstäblich nach Genf prügeln müssen. Die Amerikaner dagegen – die Rußland im afghanischen Dickicht möglichst lange bluten lassen wollen – und die Saudis hatten versucht, „ihren“ Zia ul Haq von der Versuchung fernzuhalten, Genfer Kompromisse einzugehen.

Dann gab es noch ein „Genfer Paket von Berührungspunkten“, also ein Lösungskonzept. Es bestand darin, die Hauptpostulate beider Seiten inhaltlich wie zeitlich gleichzuschalten und „zu verzahnen“: den von Pakistan geforderten, genau terminierten, etappenweisen Abzug der russischen Besatzungstruppen, die „sichere, ehrenhafte“ Heimkehr der drei bis vier Millionen Afghanen-Flüchtlinge aus Pakistan und dem Iran, die von Kabul und Moskau verlangte „Nichteinmischung“ und Sperrung der iranisch-pakistanischen Grenzen. Schließlich hatte die Genfer Runde im vergangenen April zur konkreten Einigung über zentrale Bestandteile einer Regelung zwischen Islamabad und Kabul geführt. Es war nicht aus der Luft gegriffen, wenn sich der UN-Unterhändler Cordovez rühmte, „95 Prozent“ des vorliegenden Zwanzig-Seiten-Entwurfs eines „umfassenden Abkommens“ unter Dach und Fach zu haben. Zum erstenmal bestätigte Botschafter Smirnow in aller Öffentlichkeit, Kabul werde nach Rücksprache mit Moskau „einen Fahrplan“ für den Totalabzug des sowjetischen Invasionskorps vorlegen.

Pakistan stimmte bereits zu, jede Unterstützung für die afghanischen Aufständischen zu stoppen, vor allem auch den Transit amerikanischer und arabischer Waffenhilfe. Islamabad tat zugleich seine Bereitschaft kund, das Kabuler Kommunisten-Regime anzuerkennen – unter der Voraussetzung freilich, daß Präsident Babrak Karmal ersetzt würde. Die Afghanen versprachen als Gegenleistung die Vorlage eines präzisen Truppenrückzugkalenders beim nächsten Genfer Rendezvous Mitte Juni. Doch daraus wurde nichts: Afghanistan – Sackgasse auch in Genf.