Von Ulrich Greiner

Selbstverständlich haben wir, die aufgeklärten Kulturschaffenden dieses Landes, keine Vorurteile gegen die Türken. Wir begegnen ihnen ja auch sehr selten. Wenn unser BMW in der Werkstatt steht, sehen wir sie manchmal in der U-Bahn: kleine, dicke Frauen mit Kopftüchern, Männer mit breiten Gesichtern und Schnauzbart. Ihre Namen lesen wir gelegentlich auf den überklebten Türschildern heruntergekommener Stadtteile, ab und zu verirren wir uns in ärmliche Läden, wo klebrige Süßspeisen und stinkendes Hammelfleisch jenen Geschmack von Exotik verbreiten, den wir von Zeit zu Zeit ganz gern zu uns nehmen, der Toleranz wegen.

Neuerdings aber passiert etwas Seltsames. Die Türken machen nicht nur Kebab, sondern auch Filme. Da gibt es zum Beispiel den Film "Yol" von Yilmaz Güney, der in Cannes 1982 die "Goldene Palme" erhielt. Die enthusiastische Rezeption in der westlichen Welt verriet auch eine Spur schlechten Gewissens, Man war überrascht, daß ein derart großartiger Film aus einem Gastarbeiterland kam. Seitdem müssen sich Filmfreunde türkische Namen merken. Zum Beispiel Zeki Ökten und seinen Film "Die Herde". Oder Erden Kiral, dessen Film "Eine Saison in Hakkari" 1983 den "Silbernen Bären" der Berlinale erhielt.

"Eine Saison in Hakkari" ist nicht nur ein hinreißender Film, sondern er begegnet unserer toleranten Ignoranz mit quasi pädagogischer Energie. Ein junger Lehrer aus Istanbul (Genco Erkal) wird von seiner Schulbehörde nach Hakkari in Nordost-Anatolien versetzt. Der Mann ist ein Städter, ein Intellektueller, und er kommt auf das Land, in ein kleines, an Felshängen mühsam überlebendes Dorf, wo Armut herrscht, Analphabetismus, Rückständigkeit, patriarchalische Willkür.

Der Lehrer kommt als ein Fremder, und fremd ist ihm zunächst alles: Die in ihrer Gewalt erdrückende einsame Bergwelt und die fatalistisch in ihr Schicksal ergebenen Menschen. Er befindet sich also in jener Situation, die der unsrigen gleicht. Wir wissen über dieses Land so gut wie nichts, und diejenigen, die "Türken raus!" an die Mauern sprühen, haben uns immerhin voraus, daß sie die kulturelle Differenz erfahren haben. Als die ersten anatolischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen, kletterten sie auf die WCs, um sich in der ihnen vertrauten und, wie man inzwischen weiß, gesünderen Hockstellung zu erleichtern, was ihnen sofort die Verachtung der deutschen Kollegen zuzog.

In Hakkari gibt es kein WC. Auch kein fließendes Wasser und keinen Strom. Die Häuser gleichen dunklen Höhlen, kaum erleuchtet durch Kerzen und Petroleumlampen, die lukenartigen Fenster dienen nicht der Helligkeit, sondern dem Ausguck. Wenn der Fremde kommt, pressen die Frauen ihre Gesichter von innen an die Plastikfolien, und von außen gleichen sie jenen naiven Madonnenfresken, wie sie manchmal noch in den Kapellen an bayerischen Wegrändern zu sehen sind.

Der Fremde kommt zu Fuß, den Koffer in der Hand. In Hakkari herrscht Winter, weiß sind die Berge, schwarz die Felsen, das Geäst der Bäume, die Fensterhöhlen, keine Straße führt hierher, nur Pfade, auf denen allenfalls ein Maulesel vorankommt. Der Mann nähert sich dem Dorf, schweigend liegt es da, man hört nur das Pfeifen des Windes und ein rhythmisches Stampfen. Eine Frau arbeitet mit einem Mörser. Plötzlich fallen Hunde mit wütendem Gebell den Mann an. Er nimmt seinen Koffer als Brustwehr und kämpft sich durch die mannsbreiten Gassen.