Alphabetisierung und Erwachsenenbildung sind wichtiger als machtpolitische Rivalitäten

Von Walter Mertineit

Es wird nichts so heiß gegessen, wie’s gekocht wird. Der Entschluß der Reagan-Administration, zum 1. Januar 1985 aus der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) auszutreten, ist revidierbar. Der Entschluß kam nicht überraschend. Ihm gingen zahlreiche Bekundungen der Frustration und des Ärgers mit dieser Organisation voraus, die zu einem Viertel ihres Budgets vom amerikanischen Steuerzahler finanziert wird, in der die amerikanische Stimme unter den 161 Mitgliedern indessen nicht mehr wiegt als die der kleinsten Karibikinsel. Doch gilt das auch für Frankreich oder die Bundesrepublik Deutschland so gut wie für alle übrigen Mitglieder in den Vereinten Nationen und ihren Sonderorganisationen: one State – one vote.

Die Unesco hat in der veröffentlichten Meinung einiger ihrer größten Beitragszahler schon seit längerer Zeit keine gute Presse mehr. Besonders kritisch eingestellt waren seit jeher maßgebliche Teile der amerikanischen Öffentlichkeit. Die Liste der Klagepunkte ist lang. Da gibt es die Vorwürfe der mangelnden Repräsentanz in den Entscheidungsgremien, der personellen Unterbesetzung in den führenden Positionen der Verwaltung, der geringen exekutiven Schlagkraft einer fast 4000köpfigen Mammutorganisation, der Zersplitterung der Aufgaben und der falschen Setzung von Prioritäten. Es gibt den Vorwurf der ideologischen Schlagseite, der Politisierung, des versteckten Paktierens der Staaten der sogenannten Dritten Welt mit dem sozialistischen Weltfeind. Schließlich wird der Angst Ausdruck gegeben, die Unesco würde die Welt mit einem radikal-sozialistischen, utopischen, antiliberalen Sozialstaatsplan überziehen, den die reichen Länder, vor allem die USA, auch noch finanzieren sollen.

Stattliche Leistungen...

Manches erinnert an die alten Klischees, wie sie zur Zeit des unrühmlichen McCarthy populär waren. Die Unesco aber ist anders, als sie aus dem Blickwinkel einer Weltmacht erscheint, die ihren Ärger über Abstimmungsniederlagen nicht länger verbergen will.

Der Ärger ist verständlich angesichts der stattlichen Beitragsleistungen der USA; aber es kommt nach jedem Ärger auf eine vernünftige Reaktion an. Sie sollte nicht darin liegen, aus der Unesco, die man selbst 1945/46 so energisch ins Leben rufen half, auszusteigen, sondern umgekehrt: Man muß gerade jetzt an ihre mit großen Hoffnungen und Erwartungen mitformulierten Ziele erinnern, an ihren Aufgaben intensiver, fachkundiger und psychologisch sensibler mitarbeiten und sich auch bei veränderten Umständen an seine Verpflichtungen halten. Der frühere Außenminister Henry Kissinger hat sie vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 24. September 1973 eindringlich beschworen: „My country remains committed to the goals of the world Community.“