Ich fasse nunmehr die Resultate dieser Untersuchung zusammen: Die Welt leidet heute an einer schweren moralischen Krise, die sich unter anderem in der Unbotmäßigkeit der Massen kundtat und ihren Ursprung in der moralischen Krise Europas hat.“ Mit anderen Worten: Der Patient leidet an der Krankheit X, deren Symptom die Erscheinung Y und deren Ursache die Krankheit X ist. Karl schreit, weil er eine Nierenkolik hat, und er hat eine Nierenkolik, weil er eine Nierenkolik hat. Medizinisch heißt so etwas wohl „Laiendiagnose“, in der Logik würde man es Tautologie nennen, aber wenn es der Feder des Kulturphilosophen José Ortega y Gasset entstammt, handelt es sich um eine Offenbarung.

„Das Werk des Spaniers setzt uns instand, den Sinn der Weltstunde zu erspüren, in die unser Schicksal uns hineingestellt hat“, wird auf dem Klappentext der Neuausgabe von „Der Aufstand der Massen“ (bei Ullstein) eine Stimme aus dem Südwestfunk zitiert. Besser könnte man den Offenbarungscharakter des „Aufstands“ nicht enthüllen: Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht... Ich habe es auch jetzt beim Wiederlesen nicht gefühlt. Nur ein wenig gestaunt: über die Mittel, mit denen der spanische Philosoph solche Gefühlszustände herbeizuführen vermochte.

Sein Buch sei eine Untersuchung, versichert Ortega von Anfang bis Ende. Was man von einer Untersuchung gemeinhin erwartet, nämlich daß sie ihren Gegenstand benennt, das Feld der Untersuchung absteckt, die Methoden, nach denen sie vorgeht, angibt und etwas über das Ziel des Ganzen verrät, das sucht man in „Der Aufstand der Massen“ vergeblich. Ortegas Vorgehen gleicht vielmehr der Chuzpe eines Mannes, der seine Nase in ein Restaurant steckt, zurückzuckt, weil es schlecht riecht, auf dem Heimweg Erwägungen über den schlechten Geruch in Restaurants anstellt und hinterher seinen Freunden erzählt, bei seiner Untersuchung des Zustands der Gastronomie sei er zu einem ganz niederschmetternden Resultat gekommen. In Hotels, Cafés, am Badestrand und in der Arztpraxis hat Ortega, wie er gleich zu Beginn vermerkt, jene Erleuchtung empfangen, die ihn den Aufstand der Massen ahnen ließ: Wo früher die Ortega y Gasset und die Gomez de Liano unter sich waren, drängten jetzt die Sanchez und unter herein, zu deutsch Kreti und Pleti. „Was früher kein Problem war, ist es jetzt unausgesetzt: einen Platz zu finden.“

Ein Problem für seinesgleichen, muß man dabei ergänzen, und auch sonst empfiehlt es sich, das Lamento des Aristokraten herauszuhören, wo Ortegas Sätze sich zur Höhe der Soziodizeeaufschwingen. Seine dunklen Andeutungen, daß es mit der Gesellschaft fast so rasant bergab geht wie seinerzeit mit dem römischen Reich, hellen sich gleich etwas auf, wenn man sich dabei die Gesellschaft vorstellt, die der Autor kannte: die bessere Gesellschaft. Die ist im Spanien von 1930 wohl auch nicht mehr das gewesen, was sie einmal war.

Der Aufstand der Massen, die dieser Gesellschaft den Platz wegnehmen, hat nun nichts mit Revolte, Barrikaden oder Generalstreik zu tun, er ist eine Rechenoperation. Der Platz wird knapp, weil es zu viele geworden sind. Ortega zeigt sich ganz einfach behext durch die Zahl. Wie wenn alte Herren über die heutigen Universitäten sprechen: Wieviel haben vor dem Ersten Weltkrieg in Heidelberg studiert? Zweitausendfünfhundert, Und heute? Na sehen Sie. Um jedoch dem Vorwurf zuvorzukommen, er selbst antworte mit rechenhaften Argumenten auf eine als rechenhaft gegeißelte Zeit, verlegt er das Massenhafte nach Bedarf auch von der Zahlenmagie in die Seele. Es gibt jetzt eine Massenmoral und einen „Stil der Massen“, und das schlimmste daran ist, daß sich die Massenseele sogar der Eliten bemächtigt hat. Für Ortega allerdings bedeutet diese Massenseele, die sich in jeglicher Brust finden kann, eine angenehme Entlastung: Sie nimmt ihm die Bürde ab, geschichtlich, sozialgeschichtlich oder gar soziologisch denken zu müssen, und befreit ihn von dem Ruch, lediglich die Interessen der herrschenden Klassen zu vertreten. Was sich Ortega dafür einhandelt, ist die völlige Konfusion,

Ein Blick auf das Jahr 1930, in dem „Der Aufstand der Massen“ herauskam, macht da ein wenig schwindlig. Im gleichen Jahr erschien Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“, „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ lag längst vor, und Gustave le Bons „Psychologie der Massen“ von 1895 ging in die 38. Auflage. Ortega läßt sich nicht soweit herab, auch nur anzudeuten, daß schon vor ihm über die Massen nachgedacht worden ist; von Le Bon übernimmt er nur stillschweigend die Idee einer Massenseele sowie die Wahnvorstellung, daß in der Geschichte nicht Politik und Kultur, sondern geheimnisvolle „biologische Potenzen“ am Werke sind. Entsprechend grausam ist Ortega mit seinen Prognosen gescheitert. Drei Jahre vor 1933 schreibt er: „Geht es weiter wie bisher, so wird es in Europa – und rückwirkend in der ganzen Welt – von Tag zu Tag deutlicher werden, daß die Massen in jeder Beziehung unlenkbar sind ... es ist ihr angeborener Fehler, nichts zu berücksichtigen, was außerhalb ihres Horizontes ist, seien es Tatsachen, seien es Personen. Sie werden einem Führer zu folgen wünschen und werden es nicht können.“

Nicht können, nach dem August 1914? Ortega konnte seinen Geist anstrengen, wie er wollte: Seine Ansichten waren schon veraltet, bevor er sie niederschrieb. Von der bloßen Zahl besessen, war er außerstande, die gesellschaftlichen Prozesse wahrzunehmen, die von der europäischen Industrialisierung in Gang gesetzt worden waren; die russische Revolution tat er mit einer Handbewegung ab, und der Faschismus, der wegen der „Unbotmäßigkeit der Massen“ sowieso schiefgehn muß, erschien ihm als unerklärlicher „Rückfall in die Barbarei“.