Von Kurt Wendt

Das vergangene Jahr war zumindest an der Börse ein Jahr des Aufschwungs und der Rekorde. Die Aufwärtsbewegung hatte sich allerdings schon vor dem Bonner Regierungswechsel angekündigt: Seit August 1982 befinden sich die Kurse deutscher Aktien im steten Steigflug. Der Commerzbank-Index ist seither um rund sechzig Prozent gestiegen. Der Kurswert aller börsennotierten Aktien, der Ende 1982 noch bei etwa 165 Milliarden Mark gelegen hatte, erhöhte sich bis zum Jahresschluß 1983 auf rund 240 Milliarden Mark. Deutschlands Aktionäre bekamen die „Wende“ somit als erste zu spüren.

Diese Aktien-Hausse ist allerdings nicht ausschließlich hausgemacht. Im vergangenen Jahr ist es an allen wichtigen Börsenplätzen der Welt mehr oder weniger steil bergauf gegangen. Die Aktienkäufer reagierten auf die sich abzeichnende Belebung der Weltkonjunktur und auf das Ende der strengen Antiinflationspolitik der Zentralbanken. Einschließlich der Deutschen Bundesbank sorgten sie für eine reichlichere Geldversorgung – und damit zumindest vorübergehend auch für sinkende Zinsen. Sinkende Energiepreise und moderate Lohnerhöhungen stärkten die Erwartungen auf bessere Unternehmenserträge und schufen so weitere Voraussetzungen für steigende Aktienkurse.

In der Bunderepublik kam die politische Trendwende hinzu. Eine Regierung, die es sich zum Ziel setzt, eine wirtschaftliche Wiederbelebung über höhere Unternehmensgewinne herbeizuführen, findet automatisch den Beifall der Aktionäre. Der ausdrückliche Verzicht auf Konjunkturprogramme, die nur über eine wachsende Staatsverschuldung finanziert werden können, stärkte vor allem im Ausland das Vertrauen in die Wirtschaftsentwicklung der Bundesrepublik. Die Erwartung, daß diese Politik auch die Mark auf den internationalen Devisenmärkten stärken und ihren Kurs gegen den Dollar steigen lassen würde, hat sich jedoch bislang nicht erfüllt.

Überdies entdeckten die Verwalter großer Vermögen im westlichen Ausland, daß sie zu wenig deutsche Aktien in ihren Tresoren hatten. Der Versuch, dies in kurzer Zeit zu korrigieren, führte an manchen Tagen an der Börse zu Umsätzen, die technisch kaum zu bewältigen waren. Zur gleichen Zeit hatten nämlich auch die deutschen Großanleger die Aktien als attraktive Geldanlage wiederentdeckt. Gelder, die in der Vergangenheit wegen der allgemeinen Unsicherheit auf Termingeldkonten geparkt waren, wurden nunmehr in erfolgversprechenden Aktien angelegt. Den Anlagemanagern der großen Versicherungen oder Fonds wurde dieser Entschluß dadurch erleichtert, daß ihnen die Banken für Termingelder nur noch „völlig uninteressante“ Zinsen boten.

Dies alles zusammen führte dazu, daß die deutschen Aktien 1983 mit einem durchschnittlichen Kursgewinn von 38 Prozent in der Spitzengruppe der haussierenden Weltbörsen zu finden waren – obwohl schon seit April die Zinsen nicht mehr sanken. Unter dem Einfluß der Entwicklung in den USA begannen auch in der Bundesrepublik die Zinsen wieder zu steigen. Normalerweise ist das ein Signal dafür, daß die Aktien-Hausse einem nahen Ende entgegengeht.

Doch mit Erfahrungen aus früheren Zeiten war 1983 an der Börse kein Geschäft zu machen.