Marburg

Erhart Dettmering, Pressesprecher des Marburger Magistrats, beschäftigt sich seit November 1982 öffentlich mit der Bewältigung brauner Stadtgeschichte. Der Magistratsoberrat hat sich für diesen Zweck eine seit Jahren existierende Informationsschrift zunutze gemacht; in Studier’ mal Marburg arbeitet er mit der Serie „Vor 50 Jahren aktuell“ – als Beilage der Lokalzeitung, aber auch frei erhältlich erreicht sie jeden Haushalt – Monat für Monat die NS-Vergangenheit der Stadt auf. Als Quellen für die sachlichen und mit Dokumentarmaterial reich bestückten Artikel stehen dem studierten Historiker alte Ausgaben von Vorläufern der jetzigen Lokalzeitung zur Verfügung. Doch der wackere Sozialdemokrat – Sprecher einer SPD-CDU-Stadtregierung – wird im kommenden Jahr den kleinen, alltäglichen Faschismus nicht mehr regelmäßig bewältigen können. Denn in Studier’ mal Marburg inserieren nicht nur Marburger Geschäftsleute (auch in der Stadt an der Lahn wurden während des Dritten Reichs zahlreiche Betriebe „arisiert“), sondern die Hefte sollen auch den Fremdenverkehr ankurbeln.

„Ich bin eigentlich grundsätzlich gegen diese Serie“, sagt Fremdenverkehrschef Hans-Christian Sommer. Wenn man die „Imagepflege für diese Stadt“ so intensiv betreibe wie er, „dann kann man über die Artikel nicht glücklich sein“. Wenn man dann noch wisse, daß sie „aus der Anzeigenwerbung der Geschäftswelt mitgetragen“ werde, dann, meint Sommer, „ist es nicht unbedingt notwendig, so intensiv in den alten Geschehnissen herumzuwühlen!“ – Zum Beispiel daran zu erinnern, daß jüdische Bürger in Marburger Karnevalsumzügen von der Bevölkerung verhöhnt und verspottet wurden; daß große Teile der Alma mater den braunen Horden frenetisch Beifall zollten, daß in Marburg Bücher verbrannt, Juden wie Vieh zusammengetrieben und in die Lager transportiert wurden; daß Bürger, die den Arm zum „Deutschen Gruß“ nicht hoch genug oder gar nicht erhoben, in der Lokalzeitung dafür zur Rechenschaft gezogen wurden. In Marburg konnte die Nazipartei mit 57,6 Prozent bei den Wahlen von 1933 mehr Stimmen als im Reichsdurchschnitt verbuchen – der lag bei 43,9 Prozent.

Sommer sagt’s „ganz offen“: „Ich habe nicht den Überblick, wie viele Nationalsozialisten hier lebten, das interessiert mich auch gar nicht mehr.“ Nun hält Pressesprecher Dettmering zwar dagegen: „Die Zeit des Dritten Reichs gehört zur Stadtgeschichte. Ich glaube, es ist notwendig, einmal nachzuvollziehen, was für den Zeitgenossen aus der Zeitung ersichtlich war. Denn die Ausrede, man habe von allem nichts gewußt, ist in dieser Form nicht haltbar.“ Doch die Kritiker sind mächtig. Einer ihrer Wortführer ist der Stellvertreter des Oberbürgermeisters, der CDU-Bürgermeister Gerd Dahlmanns, der es sich nie nehmen läßt, emigrierte jüdische Bürger, zu Besuch in Marburg, willkommen zu heißen und nimmermüde betont, daß er nicht zur Verbrechergeneration gehöre. Nach seiner Meinung „ist es zwar verdienstvoll, die Jahre nach 33 aufzuarbeiten“, aber: „Ich meine, das gehört in solcher Ausführlichkeit und Regelmäßigkeit nicht in ein Blatt, das der Imagepflege der Stadt dienen soll.“ Abgesehen einmal davon, daß es im Handel zu diesem Thema eine Unzahl von Büchern gebe, „ist Marburg auch eine der wenigen Städte mit einem zehnprozentigen Kommunistenanteil und ich meine auch nicht, daß wir in jedem Heft über die Probleme mit dem Kommunismus berichten sollten.“

Erhart Dettmering weiß zwar den Marburger Oberbürgermeister Hanno Drechsler hinter sich und auch die oppositionelle FDP – Gisela Babel, die Fraktionschefin, sagt: „Hier kann deutsche Geschichte auch für Schüler nachvollziehbar werden.“

Aber auch um den städtischen Koalitionsfrieden nicht zu gefährden, wird die Geschichte nicht mehr regelmäßig geschrieben werden: „Ich werde nur noch besondere Anlässe herausgreifen“, sagt Dettmering. Noch in der Novemberausgabe seiner Serie „Vor 50 Jahren aktuell“ hatte er seinen Kritikern listig ein Zitat des Bundeskanzlers ins Stammbuch geschrieben: „Der Verantwortung für die Vergangenheit können und wollen wir uns nicht entziehen... Zur Verantwortung gehört, die Geschichte zu kennen, sich ihr zu stellen in Trauer und Erinnerung. Eine geschichtslose Existenz ist den Deutschen am wenigsten gestattet.“

Thomas P. Eggeling