Unter den diversen Kriterien, nach denen Rezensenten Bilderbücher beurteilen, ist wohl das elitärste jenes, das besagt, ein Bilderbuch sei nur dann gut und schön, wenn es sowohl Kinder als auch Erwachsene gleichermaßen erfreue. Solche Bilderbücher sind natürlich rar. Doch hin und wieder hat man das Glück, so ein gutes Stück zu finden; erstaunlicherweise stammt dieses Buch dann meistens aus einem Verlag und von einem Autor oder Zeichner, die auf dem Kinderbuchmarkt gar nicht so besonders berühmt, unter Umständen sogar unbekannt sind.

Babette Cole: „Gehen Sie heut nacht ja nicht aus dem Haus!“; Xenos Verlag, Hamburg; 8 S., 24,– DM

ein Faltbuch für starke Nerven, ist eines dieser raren Bücher. Ich habe, es lesend und betrachtend, laut gelacht, leise gekichert und kindisch gewiehert: eine Verhaltensweise, die mir beim Bilderbuchblättern ansonsten nie unterläuft. In den paar Tagen, seit das Buch bei mir herumliegt, wollten es mir bereits zwei normalerweise gar nicht diebische Kinder klammheimlich stehlen, und ein drittes, eher scheues Kind wollte es mir hartnäckig abbetteln. Und mein erwachsener Nachwuchs streitet bereits darüber, wer das Buch nach erfolgter Rezension in sein Eigentum übergehen lassen darf.

Um mich der Diktion der Autorin anzupassen: Wer dieses Bilderbuch nicht irre geil findet, muß eine ausgebuffte, geschnackte Schneckenschnute sein!

Wie bei den meisten Dingen, die einem sehr gefallen, tut man sich auch bei diesem Buch schwer, das Lob wohlgeordnet und überschaubar anzubringen. Verzückung macht wirr. Ein Versuch sei trotzdem gestattet. Also: Zu sehen gibt es auf acht Din-A4-Seiten, wie Elfriede Hoeflich (Künstlername Knatterzahn) auf der Kawasaki unterwegs ist, um Mißgeburten für ihren Zaubertrank zu sammeln, wie Graf Zahnlück und die Fiedervamps zwischen Leichen und Gräbern rocken, wie ein Lindwurmgeschwader den Tiefflugangriff riskiert und ein fieser Räuber auf seinem hysterischen Roß unterwegs ist, wie Krokodilen die Zähne gezogen werden und miese Lurche in schönes Gehölz eine Schneise sengen.

Und all diese grimmigen Szenen, in bester Ronald Searle-Manier gemalt, sind nicht nur plan, zweidimensional zu betrachten, man kann sie dreidimensional ausklappen und zuzüglich noch Details der Schaurigkeit mittels Papierlaschen in Bewegung versetzen. Das hysterische Pferd kann mit dem Kopf wackeln, der verwunschene Tiger kann von der Rutsche sausen, und das Fenster vom Krokodilzahnarzt läßt sich öffnen.

Die schaurig-schnuckeligen Bilder mit je hundert witzigen Details auf mindestens vier Ebenen wären schon Grund genug, in Begeisterung zu verfallen. Aber das Buch hat auch noch vier Din-A4-Seiten Text, und der ist um nichts weniger komisch als die Bilder. Seriöse Tanten und Onkel mögen über folgendes Zitat hinwegsehen: „Die Fans aber meinten, das wäre der Text zu dem Song und gerieten vollends aus dem Häuschen. Und je mehr die Hexe geiferte, desto fetziger konterte der Graf, desto steiler stompten die Fledervamps, desto irrer gröhlten die Fans, bis auch die letzten Leichen aus den Gräbern rockten...“