Von Dietrich Strothmann

Der Staatsstreich lag nicht in der Luft. Noch kurz zuvor hatte Präsident Shehu Shagari selbstbewußt an sein Volk appelliert: „Wir alle müssen Opfer bringen.“ Nach seiner triumphalen Wiederwahl im vergangenen August hatte er selbstsicher postuliert: „Ich sehe keine Chance für eine neue Militärherrschaft. Dies war nicht nur mein Sieg. Es war ein Sieg für die Demokratie in Afrika.“

Doch dann kam der Morgen des letzten Tages im letzten Jahr. Das, womit niemand rechnete, auch nicht Präsident Shagari, traf ein: In Nigeria, dem an Einwohnern größten, an Bodenschätzen reichsten afrikanischen Staat, übernahmen wieder die Militärs die Macht. Es muß alles schnell, gut vorbereitet und unblutig verlaufen sein. Armeeeinheiten umstellten die Villen der Regierungsmitglieder, die seitdem unter Hausarrest stehen; Präsident Shagari wurde in seinem Palais in der halbfertigen Hauptstadt Abuja festgehalten. Sofort meldeten sich die neuen Herrscher über Radio und beruhigten die überraschten Nigerianer, sofort wurden eine Ausgangssperre verhängt, die Grenzen geschlossen, alle Verbindungen ins Ausland gekappt. Nigerias Offiziere sind erfahren im Putschen. ihre Rebellion von Silvester war bereits die vierte erfolgreiche, seit London das Land 1960 in die Unabhängigkeit entlassen hatte.

Glück freilich haben die Umstürze Nigeria bisher noch nie gebracht. Entweder kamen die Putschisten nach kurzer Zeit selber zu Fall, gestürzt durch machthungrige Offizierskameraden, oder sie scheiterten an denselben Übeln, die sie mit Stumpf und Stiel ausrotten wollten: an Korruption, Vetternwirtschaft, Regierungsunfähigkeit.

Shehu Shagari hatte anfangs den wechselnden Herren im Uniformrock selber noch gedient, ein ehemaliger Lehrer aus dem Norden, der nebenbei Gedichte schrieb. Mohammed Buhari, der neue Regent, der ihn jetzt absetzte, gehörte den verschiedenen revoltierenden Offizierskadern an, die ab 1966 die Geschicke Nigerias zu lenken versuchten, und war zuletzt Ölminister gewesen. Und wie damals im dritten Glied verspricht er nun an der Spitze des Staates, als Vorsitzender des Militärrates und Oberkommandierender: Kampf der Korruption. Wer dennoch weiter betrügt, der wird ins Gefängnis geworfen, „ohne den Unsinn von gerichtlichen Verfahren“. Nigeria, ein Wirtschaftskoloß auf tönernen Füßen, droht nun auch ein Staat auf Bajonetten zu werden.

Das Land war, seit die Militärs nach Shagaris erstem Wahlerfolg im August 1979 wieder in ihre Kasernen zurückgekehrt waren, eine beinahe stabile Demokratie gewesen, gemessen an afrikanischen Maßstäben. Wo rundherum Generale regierten oder zumindest die Regierungen kontrollierten, praktizierte Nigeria die Herrschaft des Volkes – mit Gewaltenteilung, unabhängigem Rechtswesen, Oppositionsparteien, einer freien Presse, einer selbstverwalteten, bundesstaatlichen Organisation nach amerikanischem Vorbild. Nigeria galt damals als demokratisches Musterland im schwarzen Erdteil, es war auch eines seiner wohlhabendsten Länder. Und Shehu Shagari, der 58jährige moslemische Intellektuelle auf dem Präsidentenstuhl, war ein milder, korrekter, freundlicher Regent – eben zu müde, zu korrekt, zu freundlich, sagen heute seine Kritiker.

Nie griff er hart durch, um den Profitjägern und Pfründenwahrern in Politik und Wirtschaft das Handwerk zu legen. Nie packte er entschlossen an, um dem Land seinen Reichtum zu bewahren. Der Ämterschacher trieb seine Sumpfblüten, Korruptionsskandale waren an der Tagesordnung, „weiße Elefanten“ – kostspielige Prestigeobjekte wie die U-Bahn für Lagos, die neue Hauptstadt Abuja, unrentable Stahlwerke – verschlangen die ohnehin fallenden Öl-Einkünfte (von 73 Milliarden Mark 1973 auf 28 Milliarden Mark im vergangenen Jahr). Unter ihm, dem nachsichtigen, sanftmütigen Demokraten, wurde das ehemalige Agrar-Exportland zu einem Lebensmittel-Importland, das monatlich für 40 Millionen Mark Nahrungsgüter einführen mußte, bereits 42 Milliarden Mark Schulden hatte und beim Internationalen Währungsfonds um Darlehen bitten mußte. Das reiche Nigeria war zum Staat auf Pump geworden.