ZDF, 29. Dezember: „Orwell auf Jura“/ARD, 1. Januar: „Guten Abend, Großer Bruder“

Nach dem Luther- nun das Orwell-Jahr. Nach dem Reformator der Kirche, den der Gedanke verfolgte, Gottes Gericht werde noch zu seinen Lebzeiten die Erde vernichten und mit ihr die Menschen („Plitz platz waren sie in der Hölle“), nun, ein Jahr später, der unbotmäßige Sozialist, der kurz vor seinem Tod die Herrschaft des Antichrist anbrechen sah – die Tyrannei des Großen Bruders.

Erst das Geburtstagsfest eines Mannes, dessen vertrautester Gesprächspartner der Teufel war („Er schläft öfter bei mir denn meine Frau Käthe“), jetzt das Geburtstagsfest eines prophezeiten, vom literarischen Vortraum in die chronikalische Wirklichkeit eingetretenen Ereignisses. Wir schreiben 1984, und Eric Blair alias George Orwell, der sich’s nicht hätte träumen lassen, welch eine weltweite Festivität sich einmal aus dem Witz einer Stunde, der Umkehr der Zahl 48, ergeben würde, die für das Entstehungsjahr eines Buches bezeichnet, das ursprünglich „Der letzte Mensch in Europa“ heißen sollte... Eric Blair (oder George Orwell) ist zum Mann des Jahres geworden, ein skurriler Einfall, ein Zahlenspiel zum allumfassenden Begriff, ein Buch zum Werk des Jahrhunderts und die Leser dieses Buchs zu Unbelehrbaren, die, wie man aus Bayern hörte, die Prophetie des Eric Blair wie die Apokalypse studieren.

Entrüstung über ein Zeugnis der Literatur, fünfunddreißig Jahre danach, Warnung vor einem Buch: Es spricht für George Orwell und die Sprengkraft seiner auf Jura, einer schottischen Insel, entstandenen ironisch-romanesken Verfremdung der durch Stalin und Hitler auf den Begriff gebrachten englischen Klassengesellschaft, daß man sich ein halbes Menschenalter später auf dem bayerischen Festland bemüßigt sieht, die Leser von 1984 als unbelehrbare Apokalyptiker zu bezeichnen. Big Brother is watching you; die Augen der Staatsmacht ahnen, welche Bücher jedermann liest – und wehe es sind die falschen! Franz Josef Strauß als unfreiwilliger Kronzeuge der 1984-Welt: ... und das Fernsehen immer dabei – Orwell auf allen Kanälen! Orwell gelesen und interpretiert. Orwell auf Jura und Orwell im Wettstreit mit Agatha Christie, Orwell um Mitternacht und Orwell am Morgen, Orwell hier, Orwell dort... und dann prompt wieder vergessen, abgehakt und abgetan wie der Reformator, über dessen Leben und Werk so bald kein Buch mehr erscheinen dürfte. Statt sich Zeit zu lassen und den Betrachter am Bildschirm nicht mit einem Orwell-Stoß gegen künftige Auseinandersetzungen zu immunisieren... statt zu bedenken, daß das Jahr 1984 viele Tage hat und voraussichtlich viele Ereignisse, die unter den von Orwell gesetzten Zeichen analysiert werden wollen, erfüllt man in wenigen Tagen sein Soll, überbietet einander im Wetteifer der Redaktionen – und dann: „Der nächste Herr, bitte.“

Gewiß, es standen von Polytechnikum bis Titel, Thesen, Temperamente (mit dem ebenso erhellenden wie witzigen Beitrag von Anthony Burgess) informative und aspektreiche Sendungen auf dem Programm – und trotzdem wäre weniger mehr und besser gewesen, fürs erste jedenfalls. Bei angemessener Koordination hätte Orwell auf Jura, der eine Film, meisterlich in Photographie und Dialog, dazu exzellent besetzt, als Präludium genügt, ungeachtet einiger reißerischer Momente.

Der englische Film hätte zur Einstimmung ins Orwell-Zeitalter genügt und wäre ausreichend gewesen, um einen Autor ins Blickfeld zu rücken, der sich zu Tode gehustet und gelacht hätte, wäre ihm die Nachricht zugegangen, er, der Kolonialbeamte und Spanienkämpfer – ausgerechnet er würde einmal, lang lang nach seinem Ende, als eine Art von Mann des Jahres auferstehen. Und das nur, würde er mit dem ihm eigenen Sarkasmus sagen, weil ich diesen ironischen Titel, erfand – als ob ich nichts Besseres geschrieben hätte als 1984.

Momos