Als es Nacht wurde in Mogopa am 28. November 1983, dem letzten Abend vor der erwarteten Zerstörung des Dorfes durch südafrikanische Polizei, versammelten sich Kirchenführer aus dem ganzen Land unter dem Baum auf dem Dorfplatz. Bischof Desmond Tutu, der Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates, und Allan Boesak, der Präsident des Reformierten Weltbundes, hielten Nachtwache mit den Menschen von Mogopa. Eine notdürftig selbstgemachte Glocke hatte die Dorfbewohner herbeigeholt. 100 Meter entfernt von der zerstörten Kirche, im strömenden Regen, bei Laternenlicht, sangen und beteten die Menschen und erzählten ihre Geschichte, die ganze Nacht hindurch. Sie sollen ihr Heimatdorf verlassen – unter Zwang, aufgrund eines Gesetzes aus dem Jahr 1927, das dem Staatspräsidenten die Entfernung von Schwarzen aus jedem beliebigen Gebiet ohne Einschränkung erlaubt. Das Gesetz ist bislang nie gegen afrikanische Dörfer angewandt worden. Ein Rechtsanwalt aus Johannesburg, Nicholas Haysom, kämpft vor Gericht gegen den Räumungsbefehl. Er erzählt die Geschichte von Mogopa:

Mogopa ist ein kleines Dorf, drei Autostunden entfernt von Johannesburg. Seit über 70 Jahren wird es bewohnt von Mitgliedern des Bakwena Ba Mogopa-Stammes, der das Land zusammen mit zwei Farmen 1911 gekauft hatte, um den sklavenartigen Bedingungen zu entgehen, unter denen Schwarze auf den Farmen der Weißen zu leben hatten. Der Besitz dieses Stück Landes bedeutete Freiheit von der Herrschaft der Weißen. Denn erst 1913 wurde der Ankauf von Land im „weißen“ Gebiet für Schwarze verboten. Der Bakwena-Stamm ist so bis heute rechtmäßiger Eigentümer des etwa 10 000 Morgen großen Landes und besitzt auch die Rechte auf eine auf seinem Gebiet liegende Diamantenmine und auf vermutete Goldvorkommen.

Die Bakwena entwickelten Mogopa im Lauf der Zeit zu einem blühenden Anwesen, denn der Boden ist fruchtbar dort, es regnet viel. Vier Kirchen wurden gebaut, zwei Schulen und eine Krankenstation, es gab viele Windmühlen und Wasserpumpen; Wasser war kostenlos in Mogopa, und jede der etwa 500 Familien bekam ein ungefähr neun Hektar großes Stück Land. Der Häuptling und der Stammesrat wurden demokratisch gewählt. Die Dorfgemeinschaft lebte lange in Frieden mit der Regierung.

Doch nun ist das Dorf, wie es im offiziellen Sprachgebrauch der Behörden heißt, ein „schwarzer Fleck“, der aus dem sonst „weißen“ Gebiet entfernt werden muß. Viele Bewohner von Mogopa denken, daß die Diamanten-Mine und die vermuteten Goldvorkommen das Interesse der Weißen erregt haben. Mogopa kann aber auch nur ein weiteres Opfer der Apartheid-Doktrin sein, nach der möglichst alle Schwarzen das Gebiet der Weißen verlassen sollen.

Anfang 1982, als der Stamm seinen Häuptling wegen Korruption abgesetzt hatte und mit den südafrikanischen Behörden einen Rechtsstreit um Anerkennung dieser Absetzung führte, wurden die Bewohner von Mogopa erstmals formell zur Räumung des Dorfes aufgefordert und zum Umzug in das etwa 150 Kilometer entfernte Pachsdraai. Als Druckmittel benutzt wurde der Häuptling, der gegen den Willen seiner Leute die Umsiedlung durchzusetzen versuchte. Im Juni 1983 verließ er das Dorf, 60 Familien folgten ihm, teils aus Angst, teils aus Gehorsam. Die übrigen leisteten Widerstand.

Die Regierung blieb hart: Bulldozer rückten ein, zerstörten die Häuser der Fortgegangenen, rissen Schulen und Kirchen nieder und machten nicht einmal vor den Häusern der Dagebliebenen halt. Menschen, die am Wochenende von der Arbeit zurückkamen, fanden ihr Haus manchmal nicht mehr vor, Dieselöl wurde in die Brunnen geschüttet. Regierungsbeamte holten Wasserpumpen weg, das Dorf hatte kein frisches Wasser mehr. Im September 1983 wurde der Busdienst eingestellt und die Auszahlung der Renten und die Erneuerung der zur Aufnahme von Arbeit nötigen Arbeitsverträge verweigert. Weitere 170 Familien verließen „freiwillig“ das Dorf.

Aber 300 Familien weigerten sich, das Land zu verlassen, wo ihre Väter begraben sind. Sie lebten in großer Angst; der im Dorf zurückgebliebene Bulldozer war eine ständige Drohung. Bis zum 28. November müßten sie das Dorf verlassen.