Von Gerhard Seehase

Die Sechser-Gruppe erstarrt, als einem der Mädchen der Reifen aus der Hand rutscht. Mitten in der Generalprobe. Eine Katastrophe, ausgelöst gleichsam durch den „Lärm“ einer zu Boden fallenden Stecknadel. Fünf Mädchen sind schuldlos am Mißgeschick ihrer Teamgefährtin, aber sie erstarren gleichfalls. Denn sie wissen, was nun kommt.

Und schon ist sie auf der Matte, die „Chefin“ aus Rumänien. „Bittää sähr“, ruft sie, eine Marika Rökk in Rage. Auch der Flötenspieler, der die Gymnastik-Gruppe musikalisch begleitet hat, bekommt keinen Ton mehr heraus.

Nun steht sie anklagend mit geballten Händen vor ihren Mädchen; sie überragt sie alle, obwohl sie mit 1,57 Meter Körpergröße die Kleinste ist. „Bittää sähr“, schimpft sie, „das ist unmöglich, nochmal von Anfang an.“

Mariana Christiansen, 36 Jahre alt, gebürtige Rumänin aus Bukarest, ist im Deutschen Turnerbund Bundestrainerin in der Disziplin „Rhythmische Sportgymnastik“ für die Gruppe. Nach der leicht verpatzten Generalprobe in der Halle Wentorf-Reinbek bei Hamburg belegte ihr Team bei der Weltmeisterschaft in Straßburg einen ausgezeichneten sechsten Platz, noch vor den hocheingeschätzten Chinesinnen und Japanerinnen.

Das sei für ihre Mädchen ein großer Erfolg gewesen, sagt sie, während sie mir einen ganz schwarzen Kaffee serviert. „Ich arbeite mit meinen Mädchen streng nach Plan, da darf im entscheidenden Moment nichts mehr schiefgehen. Neunundneunzig Prozent ist Arbeit, ein Prozent ist Glück.“

Mariana Christiansen redet von „Disziplin“ mit einer Selbstverständlichkeit wie andere von „Selbstverwirklichung“. Und wo immer sie mit „ihren Mädchen“ auftritt, da möchte sie Perfektes bieten. Schludrigkeit duldet sie nicht. Nicht einmal am Frühstückstisch im Hotel.